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St. Marien / Buxtehude 13. März 1997 Gebet - Denken
Die einen Leute meinen, wenn sie das hören, das ablenkende Denken, das einen beim Beten stört: wenn man dauernd an andere Dinge denkt. Was ich mir ursprünglich dachte, als ich mir dieses Thema vorgenommen habe, war ganz etwas anderes: ob unser Denken uns nicht am Beten hindert, weil wir uns dauernd überlegen: "Kann das denn überhaupt stimmen, was wir da beten? Ist das denn überhaupt vernünftig? Kann ein erwachsener Mensch, der studiert und vielleicht einen Doktortitel hat u.ä., diese einfachen Gebete sprechen? 'Mach mich fromm, daß ich in den Himmel komm!´ - Was ist denn das wohl für ein Gebet?" Das war mein Gedanke. Ich glaube, wir können ruhig beides miteinander verbinden.
Fangen wir gleich mit der modernen Welt an. Die moderne Welt ist voller Freizeit. Ich meine nicht die Freizeit, die Menschen leider meistens nicht zum Gebet verwenden, sondern zu Ausflügen und ähnlichem, sondern ich meine die Freizeit, die sie meistens gar nicht beachten, die die moderne Welt uns aufzwingt, z.B. durch die Ampel. Als ich geboren wurde, 1923, wurde die erste Verkehrsampel in Paris eingeführt. Heute gibt es, wie Sie wissen, eine ganze Menge davon. Und jedes Mal, wenn wir zu Fuß, mit dem Auto, mit dem Fahrrad vor einer roten Ampel stehen - die Fahrradfahrer nicht, aber wir als Fußgänger oder Autofahrer richten uns in der Regel nach der Ampel -, dann ist 'Freizeit'. Oder: Sie stehen vor dem Fahrstuhl und drücken auf den Knopf: Freizeit bis der Fahrstuhl kommt. Oder: Sie telefonieren. Früher war das noch so, daß Sie das Knacken hörten. Da war man immerhin "beschäftigt". Heute ist kein Knacken mehr zu hören. Sie geben die Nummer ein, und dann ist Pause: Freizeit. So könnte man noch von vielen "Freizeiten" sprechen, und diese Freizeiten, meine ich, sind gerade in der modernen Welt eine Aufforderung zum Gebet. Das sind die Augenblicke, in denen man wirklich gelassen beten kann. Ist doch nicht so schlimm, wenn einer hinter einem hupt wird, weil man nicht gesehen hat, daß schon Grün ist. Er sagt einem ja Bescheid. Infolgedessen könnten wir all diese Augenblicke wirklich dazu nutzen. Warum nutzen wir sie nicht? Vielleicht nutzen Sie sie ja alle, ich will Ihnen gar keine Vorwürfe machen. Aber warum nutzen wir sie meistens nicht? Weil wir mit vielen Gedanken beschäftigt sind, aber gerade nicht mit Gedanken an Gott. Und das ist eben unsere große Schwierigkeit. Ich will das nicht gleich als Sünde bezeichnen, aber in meinen Augen ist das schon in der Nähe von Sünde, daß unser Kopf von Gedanken so voll ist, daß wir gar nicht auf die Idee kommen, während die Ampel auf Rot ist, zu beten. Es gibt doch ganz, ganz kurze Gebete.
Es muß nicht gleich das ganze Vaterunser sein - da reicht die Zeit meistens nicht -, aber "Herr Jesus Christus, Sohn Gottes, erbarme Dich meiner." kann man immer beten.
Warum ist unser Kopf so voll? Schon Bischof Athanasius - ein alter, frommer Mann - sagte einmal: "Es ist so: Wenn ich mit Gott sprechen will, dann ist das, als ob ich in den Königshof komme. Der König ist zwar da, er spricht auch, aber ich trete in den Königssaal ein und in das Schloß, und alle Leute reden. Und ich werde ganz unruhig und sage: 'Haltet doch endlich mal den Mund, damit ich höre, was der König sagt!'" "So ist das", sagt Athanasius, "mit unseren Gedanken." Wir denken darüber nach, wie die Rechnung für die letzte Reparatur unseres Autos ausfällt, welches Kleid wir kaufen und ähnliche Dinge. Das beschäftigt uns ständig. - Wie den reichen Bauern, der eine große Ernte hatte und sagt: "Herr, was soll ich nun machen? Ich werde die alte Scheune abreißen und eine neue bauen und dann werde ich zu meiner Seele sagen: 'Habe gute Ruhe auf viele Jahre.'" Und Gott sagt zu ihm: "Du Narr! Heute nacht werde ICH Deine Seele von Dir fordern. Was wird es dann sein, das Du da alles gesammelt hast?"
Ja, es ist wirklich gut, wenn wir unsere Gedanken damit erfüllen. Das nennt man in der Medizin einen "Rückkopplungseffekt", d.h. daß wir, indem wir gerade in diesen kleinen Freizeiten, die wir haben, immer wieder beten, unsere Gedanken mit Gott erfüllen. Das ist auch bei vielen anderen Dingen so, z.B wenn man sich an den Tisch setzt und sich bekreuzigt. Das macht großen Eindruck. Die Leute gucken alle auf Sie, Sie sind richtig im Mittelpunkt. Wir können die besten Kleider anziehen - haben die anderen auch an -, aber sich im Restaurant zu bekreuzigen, das ist einmalig. Da sind Sie wirklich Mittelpunkt für einen ganz kurzen Augenblick: frommer Mittelpunkt des ganzen Restaurants. Oder: Wenn Sie sich ins Auto setzen, sich bekreuzigen (vorsichtig, damit Ihr Vordermann nicht denkt, Sie zeigen ihm einen Vogel.) und losfahren. Auch dann.
All das sind Dinge, in denen ich mein eigenes Leben, mein eigenes Denken und mein eigenes Sein erfülle mit Zuwendung zu Gott, mit Offenheit für Gott. Das ist das Geheimnis der Ikone oder des Kreuzes. Es ist ein Fenster hier in diesem Raum zu Gott, durch das Gott zu uns hereinblickt, der Herr Jesus Christus, ausgestreckt am Kreuz, auf uns herabblickt und wir auf Ihn. Das ist Gemeinsamkeit mit IHM.
Aber es gibt noch etwas anderes, durch das ich mein eigenes Leben und mein eigenes Denken ein wenig - wie meine Mutter es nannte - "an die Kandare nehmen" kann (das sind diese Gebißstangen, die Pferde im Maul haben, damit man sie besser führen kann). So müßte man auch , meinte meine Mutter, sein eigenes Denken ein wenig an die Kandare nehmen, damit es nicht immer kreuz und quer und - wie Hase und Igel hier in Buxtehude - hin und her läuft: indem man den Tag nach den Tageszeiten einteilt. Das tun Sie ja auch mittags: 'Der Engel des Herrn' - ein sehr schönes Ereignis, das plötzlich den Tag unterbricht. Irgendwo läutet zwar meistens eine Glocke, aber das Wesentliche ist dann doch das Gebet. Und je mehr wir lernen - oder: je mehr wir uns daran erinnern -, daß diese Zeit in Gottes Händen ist und von Gott geprägt ist - um 9 Uhr morgens hat man vielleicht gerade Zeit, die Handwerker machen 'Fünfzehn', und Sie machen, glaube ich, auch eine kleine Pause -, kann man doch einmal den Heiligen Geist anrufen. Das nämlich ist der Augenblick, in dem der Heilige Geist auf die Jünger herabkam. In der Orthodoxie ist es auch so üblich: "Herr, der Du Deinen Heiligen Geist in der dritten Stunde (9 Uhr ist die dritte Stunde nach der alten römischen Zählung) Deinen heiligen Aposteln und Jüngern herabgesandt hast, nimm ihn nicht von uns, sondern erneuere uns, die wir zu Dir beten." Und mittags - finde ich immer sehr schön, wenn ich daran denke -, da fühle ich mich in den Hain Mamre versetzt. Als der Tag am heißesten und Abraham dort in seiner Hütte unter der großen Eiche des Hain Mamre war, kamen die drei Engel, die mit einer Stimme redeten: Gott, der Heilige, der Sich als der Dreifaltige offenbarte. Oder um 12 Uhr mittags: Die Frau in Samarien, die - weil sie fünf Männer gehabt hatte und jetzt nicht verheiratet war mit dem letzten - Ausgestoßene, die deshalb in der heißesten Zeit zum Wasserschöpfen kam. Die anderen Frauen kamen früher oder am Abend, wenn es kühler war, und unterhielten sich; aber mit dieser Frau wollte niemand reden. Darum kam sie also um die Mittagszeit - 12 Uhr - und traf den Herrn Jesus Christus. Oder: Der Herr Jesus Christus wurde ans Kreuz geschlagen. Es ist 3 Uhr nachmittags, als der Herr am Kreuze stirbt. Und abends finde ich immer schön, wie bei Ihnen auch die Vesper gehalten wird, so um 18 Uhr etwa. Ein sehr schönes Wort aus der Bibel, zwar zum Paradies, aber unser Gottesdienst und unser Gebet sind ja schon beinahe Paradies: "Als der Abend kühler war, wanderte Gott mit Adam und Eva im Gespräch durch den Garten des Paradieses." Ist es nicht sehr schön, wenn man abends sich Gott zuwendet und mit Ihm spricht? Das ist - gerade zur Abendzeit - etwas sehr Ergreifendes. "Oh, Jesus Christus, Du milder Glanz der Herrlichkeit des unsterblichen, heiligen und seligen himmlischen Vaters, zum Untergang der Sonne sind wir gelangt und haben das Abendlicht geschaut und preisen Gott, den Vater, und den Sohn und den Heiligen Geist. Würdig bist Du allezeit, von Stimmen der Seligen gepriesen zu werden, oh, Du Sohn Gottes, der Du das Leben spendest. Deshalb verherrlicht Dich die Welt." Ich will jetzt nicht die ganzen Tageszeiten durchgehen, ich möchte nur noch an Mitternacht erinnern. Das ist wahrscheinlich der Augenblick, in dem die törichten Jungfrauen, die gerade das Öl holen mußten, nicht da waren, als der Bräutigam kam. Das ist der Augenblick, in dem der Herr zu uns kommt. Es ist - zeichenhaft, aber vielleicht auch ganz wirklich - zumindest der Augenblick, in dem sich unser Herz dem Jüngsten Gericht zuwendet: "Herr, Du wirst wiederkommen zu Deinem heiligen Gericht, und alle meine Taten werden offenbar werden. Und so rufe ich um die Mitternacht: 'Heilig, heilig, heilig bist Du, oh, Herr. Um der Gottesgebärerin willen, erbarme Dich unser!'"
So also kann man den ganzen Tag einteilen, und je mehr man das tut, desto mehr beginnen die vielen Gedanken und Überlegungen, die mich beim Beten stören, etwas leiser und stiller zu werden. Denn das geht ja ganz schnell: von 9 Uhr bis 12 bis wieder 15 Uhr - die Zeit ist sehr schnell vergangen; aber ich habe immer wieder einen Haltepunkt, wo ich Gott ganz ausdrücklich begegne.
Und so wird unsere Seele erfüllt. Das muß man üben. Sie wissen, daß wir auch jetzt in einer Zeit leben, in der ständig von der Rechtfertigung gesprochen wird und in der auch die katholischen Theologen und die katholische Kirche erkannt haben, daß Luther doch weitgehend wohl Recht gehabt hat, daß der Mensch nur durch Gnade erlöst wird und daß die Werke nicht so wichtig sind. Ja, das ist alles ganz gut und schön, aber üben muß man trotzdem, und zwar nicht, daß man in den Himmel kommt - das ist ein anderes Problem -, sondern deshalb, daß man einfach die große Freude hat, hier heute und jetzt im Gebet ständig mit Gott zusammenzuleben. Das muß man üben. Darum eben das "Herzensgebet", das Gebet, das ständig - in jedem freien Augenblick, ganz "un-unterbrochen" - still mitläuft. Wenn Sie einen schönen Schlager gehört haben, werden Sie doch die Melodie oft nicht wieder los. Das können wir, aber daß die Melodie des Gebetes "in uns immer mitläuft", ist keineswegs unmöglich. Das darf man üben, das darf man immer wieder auch von Gott erbitten.
Aber nun kommt noch etwas anderes - ich habe dazu schon einige Worte ge= sagt -, das mir ganz wichtig ist: das Gebet im Zeichen. Während das Gebet in Gedanken und auch in Worten - von anderen Gedanken abgelenkt - leicht gestört wird, ist das beim Gebet im Zeichen nicht so. Ich meine jetzt - schon ein uralter Text, den ich immer sehr schön gefunden habe: "Als Adam und Eva das Paradies verließen, rauschten weinend die Blätter der Bäume des Paradieses." Sehr kindlich, das weiß ich auch, aber ich finde es trotzdem einfach schön. Auch Augustinus hat geschrieben, wenn er morgens die Vögel aufsteigen sieht, dann spürt er richtig, wie sie zur Ehre Gottes gen Himmel fliegen. Eben: ein Zeichen. Aber wir haben Zeichen, die wir oft gar nicht richtig bemerken. Das Kreuzeszeichen - davon habe ich schon gesprochen und wir dürften davon sehr viel mehr Gebrauch machen. Das Kreuz ist das Zeichen, wie wir aus der Christopheruslegende - sagen die Katholiken heute, bei uns ist das aber noch Realität - wissen,. . . Christopherus ist mit dem Teufel unterwegs, weil er gern einen "großen" Herrn haben will - gibt ja viele Leute, die so mit dem Teufel unterwegs sind, wir nicht -, sie kommen an einem Kreuz vorbei, und da will der Teufel den Weg nicht reiten. Dann sagt der Christopherus: "Sag mal, was ist denn mit Dir los? Warum willst Du denn da nicht reiten?" "Hmm", guckt er da hin, der Teufel, "Nein!" Ja, so ist das wirklich! Wir nehmen das immer nicht so ernst, aber ich nehme es mittlerweile sehr ernst. Der Teufel kann das Kreuz-Zeichen nicht ab, und die stärkste Waffe gegen das Böse in uns und um uns ist das Kreuzeszeichen. Das ist doch unser aller Tradition, unsere alte Überlieferung. Aber wenn man einmal durch eine Stadt geht und sich ansieht, wie häufig Kreuzeszeichen gemacht werden, dann muß man sich wundern, warum wir das nicht tun. Unsere Jugend trägt das Kreuz jetzt als Modeschmuck - auch das ist ganz gut, glaube ich -, aber wichtig wäre doch, daß wir das Kreuzeszeichen mit vollem Bewußtsein machen.
Noch etwas, das immer verwundert, wenn Sie in die orthodoxe Kirche kommen: Da gibt es viel weniger Stühle als in diesem Saal, obwohl die Kirche doch etwas größer ist. Die Menschen stehen. Im Zeichen des Stehens vor Gott ist etwas, das auch dann sehr schön ist, wenn man es nicht erklären kann. Wir meinen immer, wir müßten alles mit dem Verstand erklären. Ich weiß gar nicht, ob das unbedingt wichtig ist, aber man kann es natürlich erklären: Es ist eine große Ehre, aufrecht vor Gott zu stehen. Das wird uns erst klar, wenn wir - ich will doch ruhig sagen: unsere Schwestern und Brüder - die Muslime sehen. Wenn sie ihre Gebete verrichten: Auf die Erde! Kopf nach unten! Und wir dürfen aufrecht vor dem allmächtigen Herrn, der die ganze Welt geschaffen hat, dem dreifaltigen Gott, stehen, und deshalb stehen die orthodoxen Christen mit so großer Begeisterung im Gottesdienst, nicht nur, wenn das Evangelium gelesen wird, sondern wer eben kann - und man muß sich immer wundern, wieviele alte Leute zwei, drei Stunden ganz aufrecht stehen -, der steht wirklich mit großer Freude, und man erlebt das auch. Das ist Gebet im Zeichen. Ich brauche es gar nicht zu verstehen, aber die Tatsache, daß ich aufrecht vor Gott stehe und meine Augen zu IHM erhebe, ist etwas, das "meine Seele mitnimmt". Mein Körper ist ja, wie Sie wissen, der freundliche Bruder der Seele, aber der Körper kann uns auch mitnehmen. Und so, wenn wir aufrecht stehen, nimmt er uns mit. Ich will gar nicht die Stühle aus Ihrer Kirche entfernen, aber wenn Sie aufstehen - in den Augenblicken, in denen das eben auch in der katholischen Messe geschieht -, kann Ihnen vielleicht wirklich bewußt sein, daß das ein Gebet ist, daß Ihr ganzer Körper jetzt plötzlich Anteil hat, Gott gegenüberzustehen, und zwar - so heißt es ja von Moses - "wie ein Mann mit seinem Freunde redet".
Auch Fasten ist Gebet. Ärzten gelingt es heute in der Regel - Pfarrern nicht mehr so gut wie früher -, den Leuten das Fasten beizubringen, obwohl es unvernünftig ist: Das Fasten ist sehr viel besser für die Seele als für den Körper. Ein bißchen Übergewicht ist doch ganz angenehm - solche Leute sind oft viel netter und freundlicher -, aber für die Seele ist das Fasten etwas ganz Wichtiges: daß ich meinen Körper, den Bruder der Seele, wieder auffordere: "Indem Du jetzt durch Enthaltsamkeit, auch durch schmerzhafte Enthaltsamkeit: durch Hunger, Dich immer wieder daran erinnerst: Gott ist nahe." Ich finde auch, es ist kein reines Vergnügen, wenn man vor der heiligen Kommunion nichts ißt. Die Leute fragen immer: "Wann muß man denn, Vater Ambrosius, ab wann denn?" "Na", sage ich, "ab Mitternacht ist allgemeine Vorschrift, aber ein bißchen früher ist auch gut. Du mußt ja nicht bis Mitternacht feiern und dann aufhören zu essen." Je länger, desto besser. Es gibt eine ganze Reihe Leute, die - etwa in der Karwoche - eine ganze Woche lang nichts essen. Ich weiß das auch: Hunger ist nicht nur ein guter Koch, sondern ein Hinweis auf den gegenwärtigen Gott. Denn: Habe ich Hunger, würde ich doch. . . Ach nein, ich wollte ja fasten. Solche Zeichen wie das Fasten sind eben auch eine große Hilfe zum Gebet und werden - das war meine Rede - nicht so gestört durch meine vielen Gedanken, die mich dauernd vom Gebet und Beten abbringen.
Noch ein Drittes kommt hinzu: das Wachen. Wenn Sie einmal überlegen, wieviel Schlaf- und Beruhigungsmittel, Baldrian u.ä., in unserer Welt verkauft werden. - Das geht in die Millionen Tonnen! Andere Leute nehmen dafür nur Bier, das ist auch gut, aber letzten Endes fragt man sich: Warum wollen wir denn eigentlich so fest schlafen? Ist Ihnen noch nie aufgefallen, daß in der Heiligen Schrift nichts vom Schlafen steht? Ja, Negatives. Aber vom Wachen steht da sehr viel. Wer nachts aufwacht, der muß nicht gleich zur Baldrian-Tablette greifen, sondern kann ans Fenster gehen und sehen, ob nicht die Sterne scheinen, und Gott dafür preisen, daß Er einen so herrlichen Sternenhimmel geschaffen hat, wie das auch in den Klöstern - bei Ihnen wie bei uns - üblich ist: daß ein Mönch nachts durch die Zellen geht, anklopft und sagt: "Ehre sei dem Vater und dem Sohne und dem Heiligen Geiste." Und der arme Mensch, der geschlafen hat und nun aufschreckt, muß dann sagen: "Jetzt und immerdar und in die Ewigkeiten der Ewigkeiten. Amen." Ich habe mir das auch angewöhnt - ich finde das sehr schön - und zu meinem Erstaunen bemerkt, daß ich am anderen Tag oft viel ausgeschlafener bin als wenn ich fest durchgeschlafen habe. Das ist seltsam. Offenbar ist diese Idee, daß wir fest durchschlafen müssen, gar nicht so vernünftig, auch medizinisch ein wenig zweifelhaft.
Mit der Erholungsphase hat es auch so seine Schwierigkeiten. Ich weiß nicht, ob Ihnen eine sehr seltsame Sache klar ist: Man kann nicht feststellen, was ich träume - zum Glück -, aber man kann natürlich mit einem EEG, mit einer Ableitung der elektrischen Ströme vom Gehirn, feststellen, ob ich träume. Das elektrische Bild - wie beim EKG (also dem Herzstrombild) so beim Gehirnstrombild - verändert sich im Augenblick, in dem man träumt. Daher wissen wir, daß auch Tiere träumen. Wenn man eine Katze schlafen sieht, dann fängt sie plötzlich eine Maus: Sie träumt also. Und man hat festgestellt, daß ein Mensch, den man über längere Zeit immer dann weckt, wenn er anfängt zu träumen, verrückt wird - um das ganz einfach zu sagen -, d.h. er kommt aus dem seelischen Gleichgewicht. Also: Wenn ich jemanden mehrere Nächte lang, etwa über die Dauer einer Woche, immer dann - jetzt fängt er nach dem EEG zu träumen an - wecke, so daß er nicht träumt - er schläft dann wieder ein, und ich passe wieder auf , und sobald er träumt, wird er wieder geweckt -, "das kann er nicht ab" (wie die Hamburger sagen), da kommt er ins Ungleichgewicht. Wenn wir uns das einmal überlegen! - Darum finde ich die Medizin so schön. Offenbar ist das, was ungeordnet, chaotisch - nicht immer, aber doch oft - in unseren Träumen vor sich geht, notwendig zu unserer seelischen Gesundheit. Wieviel mehr notwendig wäre das ständige Gebet in der Nacht! Es muß ja nicht jede Stunde sein - sagen wir: alle zwei Stunden, vielleicht wachen Sie auch von selber auf -, aber daß Sie einfach mal die ganze Nacht dadurch prägen: wachen und sich erinnern, daß die seelische Gesundheit davon abhängt, daß wir träumen, aber daß sie noch viel besser wäre, wenn wir nicht nur träumen würden, sondern auch beten. Das ist Gebet im Zeichen. Dabei erinnere ich mich immer an die alte Geschichte vom kleinen Jungen, der so dumm war - "debil", wie Mediziner sagen -, daß er nichts verstehen konnte, und dem der Pfarrer an fünf Fingern beigebracht hat: 'Ich bin der Herr, Dein Gott.' Eines Tages ist er in den Bergen von Bayern - da komm´ ich auch her - abgestürzt und war tot, hatte aber den Finger "Dein Gott" mit der anderen Hand umfaßt: Er hat in seiner "Dummheit" etwas begriffen, was wir manchmal gar nicht so recht begreifen. Eben das ist erstaunlich, und das alles ist 'Gebet im Zeichen'. Gebet ist gelebte Heilige Schrift. Ich habe einmal unser Gebetbuch mitgebracht. Es ist für jeden geeignet, auch für den Pfarrer, aber eigentlich ist es für die Gläubigen, für das "Gottesvolk", gedacht. Was darin alles steht! Wenn man die Heilige Schrift besser kennt als wir sie meistens kennen - ich muß auch immer konkordant nachsehen -, dann stellt man voller Erstaunen fest: Alles, was darin steht, ist fast Zitat aus der Heiligen Schrift. Wenn wir uns einmal durch unser Gebet bewußter mit der Heiligen Schrift beschäftigen würden, könnte auch unser Glaube, unsere Liebe zu Gott, unsere Liebe zu den Mitmenschen wachsen und reifer werden. Ich weiß nicht, ob es gut ist, die Heilige Schrift kritisch zu betrachten. Die Orthodoxen können das noch nicht verstehen; Bibelstunde ist für sie geradezu "ein rotes Tuch". "Wie können Leute beim Kaffeetrinken zusammenkommen und über das Wort Gottes miteinander 'klug diskutieren'?! Der Herr hält davon auch nicht sehr viel" - ich rede von unserer Kirche. Aber: Im Gebet mit der Heiligen Schrift umzugehen und immer wieder zu beten, betend die Worte der Heiligen Schrift zu wiederholen, sie uns ganz einzuprägen, die Heilige Schrift betend zu studieren: Das ist eine ganz großartige Sache! Und wer damit einmal angefangen und dann gemerkt hat, wie überall in der Heiligen Schrift das Wort des Gebetes verborgen ist - Sie brauchen nur irgend etwas nachzusehen, hier gerade nicht, aber wenn da Fußnoten sind. Ich habe für mich selber ein anderes Gebetbuch, in das habe ich hineingeschrieben, wo überall es in der Heiligen Schrift vorkommt. Das ist eine ganz erstaunliche und herrliche Sache!
Noch einen kleinen Schritt weiter: Das Gebet ist Bekenntnis. Das ist etwas, was uns oft nicht so klar ist. Wir denken, Bekenntnis ist eine rationale Leistung: eine Leistung des Verstandes. Schön wär´s! Wer von uns ist denn in der Lage, den ungeheuren Reichtum, den uns Gott in Seiner Offenbarung geschenkt hat, wirklich ganz und gar mit seinem so winzigen Verstand zu durchdringen? Und dann hat der Herr auch noch gesagt: "Den Weisen ist es verborgen." Aber: Im Gebet mit diesem Bekenntnis umzugehen. . . Deshalb beten wir vor dem Empfang des heiligen Abendmahls: "Ich glaube und bekenne, daß dies ist wahrhaftig Christus, Der in die Welt gekommen ist, die Sünder zu erretten, deren ich der erste bin." (wörtliches Zitat aus dem Timotheus-Brief des heiligen Apostel Paulus) Das wird jedesmal gebetet, ehe wir das Abendmahl empfangen. Der Priester betet das auf russisch/auf deutsch laut vor, damit es alle, die da sind, auch verstehen können, und wir beten das dann gemeinsam. Wer verheiratet ist, weiß, daß es nicht unbedeutend ist, daß man einmal im Standesamt und noch einmal in der Kirche sich versprochen hat, sich zugesagt hat einem anderen Menschen, dass das Gestalt und Wort gefunden hat. Das ist nichts Selbstverständliches, und das prägt doch unser ganzes Leben. Oder nehmen Sie ein vielleicht noch einfacheres Bild: jemanden um Verzeihung bitten. Das ist doch auch erstaunlich: Oft wissen wir, daß wir etwas gemacht haben, das den anderen ein bißchen geärgert und ihm wehgetan hat. Wie schwer fällt es uns dann, einfach hinzugehen und zu sagen: "Mensch, hör mal. Es tut mir leid. Verzeih mir!" Und wer dann den Mut gefaßt und durch die Kraft des Heiligen Geistes auch ein Wort gesagt hat, der weiß, wie ein solches Wort wirkt, was das tatsächlich bedeutet. Wir, die Orthodoxen, üben immer alles ein. Zu Anfang der Fastenzeit, im Abendgottesdienst, wendet sich der Priester zur Gemeinde und spricht von der Vergebung, dann kniet er vor den Menschen nieder - diesmal mit dem Kopf auf der Erde - und bittet: "Vergebt mit, Brüder und Schwestern, all meine Sünden, was ich an Euch Unrechtes getan habe." Und die Leute auch. Und genau das, was wir nachher zu Ostern machen, daß wir rufen: "Christus ist auferstanden!" und uns umarmen, das machen wir jetzt auch: Die Leute knien voreinander nieder und bitten einander um Verzeihung. Ach, so´n "östlicher Gebrauch". Nein, das glaube ich nicht. Es ist eine ganz wichtige Sache, daß unser Gebet "Gestalt gewinnt" und daß wir auch einmal den Mut haben, so etwas auszusprechen. Aber genauso auch mit dem Bekenntnis, mit dem Glaubensbekenntnis, mit dem "Credo". Auch da ist es so. Das erleben wir bei der Taufe. Wenn ich die Leute taufe - eine Taufe dauert bei uns eine bis anderthalb Stunden, es ist ein langer Gottesdienst, da wird erstmal der Teufel rausgeschmissen und beschimpft, dann wenden wir uns Christus zu und nun wird das Glaubensbekenntnis gesprochen -, sage ich ihnen immer vorher: "Wißt Ihr, das ist ein Bekenntnis. Das braucht Ihr noch nicht ganz zu verstehen, sondern Ihr bekennt Euch jetzt zu Christus mit diesen Worten." Oder, noch besser: Wir bekennen uns zu Christus. Jeder sagt: "Ich glaube..." Bei uns immer noch ganz wichtig: Wir sagen "Credo", also: "Ich glaube." nicht: "Wir glauben." Aber wir sagen es im Chor. Indem wir miteinander sagen "Ich glaube", wird dieser Glaube Wirklichkeit für unser Leben, eine Wirklichkeit, die über unseren Verstand hinausgeht. Natürlich, je häufiger ich das Glaubensbekenntnis bete. . . Ich habe mir das angewöhnt und sage es dem "Volk Gottes", um diesen Ausdruck zu gebrauchen, auch immer wieder: "Betet doch das Glaubensbekenntnis möglichst oft am Tag: morgens, wenn Ihr aufsteht; abends, ehe Ihr Euch ins Bett legt; um Mitternacht, wenn Ihr aufwacht - man schläft gut dabei ein -, dann werdet Ihr einfach erleben, wie das ständige Gebet des Glaubensbekenntnisses Euch reifen läßt, Euch prägt, Euch durchdringt, Euch glücklich macht, Euch selig macht." - um all diese Ausdrücke der Heiligen Schrift zu verwenden. Darin stehen doch auch ganz großartige Dinge: ". . Schöpfer Himmels und der Erden, alles Sichtbaren und Unsichtbaren".
Und jetzt bin ich schon beim Verstand. Ich habe das früher immer etwas oberflächlich gebetet. '......alles Sichtbaren und Unsichtbaren..', nun gut: Menschen und Engel. Daß das Unsichtbare auch in mir ist, war mir gar nicht so klar, aber das ist offensichtlich: Ich habe doch eine Seele. Man kann das auch anders bezeichnen, aber ich bleibe gern bei dem alten Wort "Seele". Die ist nicht körperlich, und die ist auch wirklich. Wenn ich jetzt dort sitzen würde, dann könnte keiner von Ihnen - auch nicht mit den Apparaten der modernen Medizin - feststellen, was in mir vorgeht: ob ich mir einen Baum vorstelle, ob ich ein Gebet spreche, ob ich ein sehr intensives Gefühl habe. Keiner weiß das. Kann man auch nicht feststellen. Also spielt sich hier offenbar schon jetzt - in Ihrem Körper, in meinem Körper, nein: in meinem "Menschsein" - etwas ab, das aus der Welt des Unsichtbaren kommt. Oder: "Um unseres Heiles willen herabgekommen vom Himmel, Mensch geworden vom Heiligen Geist und der Jungfrau Maria". Das ist doch etwas, das man gar nicht oft genug beten kann. Es gibt eine alte Geschichte vom Teufel, der in der Kirche war - ich weiß nicht, wie er dahingekommen ist, aber so wird es erzählt -, und beim Glaubensbekenntnis steht er neben einem Mann, der gähnt. Und der Teufel schlägt ihm auf den Mund und sagt: "Wie kannst Du gähnen, wenn gesprochen wird 'Mensch geworden'? Gott ist Mensch geworden! Stell Dir vor, wie wir tanzen würden in der Hölle, wenn es hieße 'Gott ist Teufel geworden.'!" An dieser Geschichte wird klar, wie ungeheuer das ist, wie man das gar nicht oft genug beten kann und wie man einfach glücklich sein kann über das Bekenntnis. Immer wieder im Bekenntnis "sich Gott zuwenden" und sich tragen lassen, das ist doch eine große Sache.
Gott schenkt uns das Evangelium, Gott schenkt uns das Bekenntnis, Gott schenkt uns die Offenbarung als Gemeinschaft ("Wo zwei oder drei zusammen sind, da bin ICH mitten unter Euch"). Ich erlebe das jedesmal bei einem Vortrag: Ich wundere mich immer, wie fromm ich bin. Das kommt aber einfach daher, weil wir zusammen sind. Wenn ich so ganz allein mit meinem kritischen Verstand darüber nachdenke, muß ich mich auch manchmal "an die Kandare" nehmen, wie meine Mutter sagte, und mich nicht dauernd ablenken lassen und mich Gott zuwenden, aber wenn wir gemeinsam hier sind und Sie mir dankbar zuhören, dann ist das ganz leicht. Glaube, Bekenntnis ist immer etwas, was uns in der Gemeinschaft geschenkt ist. Und darum sollten wir auch immer Gemeinschaft nutzen. Das "bedachte" Gebet - das ist die andere Seite des Themas, von dem wir gesprochen haben. Die deutsche Sprache ist sehr schön. "Bedachtes Gebet" hat mehrfache Bedeutung: ein Gebet, das man 'be-denkt', über das man nachdenkt, und ein bedachtes Gebet, das man eben 'be-dacht' - mit Andacht - spricht. Über das Gebet nachzudenken, ist durchaus nicht schlecht und ist auch manchmal wirklich hilfreich, und da muß man - nein, da darf man - den Mut haben, auch mal zu zweifeln und sich über gewisse Dinge einfach zu wundern und sagen: "Na, ist das denn nun wirklich so?" Aber beim Beten kann man sich auch mit den Worten des Gebetes "in der ganzen Weite seines Daseins" beschäftigen. Entschuldigen Sie das komplizierte Wort, ich mache das einfacher: "Laß doch die Worte des Gebetes 'auf der Zunge zergehen.' (auch so ein deutscher Ausdruck) Laß sie tief in Dein Herz sinken." daß wir beim Beten ganz offen sind und auch ganz aufmerksam zuhören - da sind noch alle möglichen Gedanken, die hin und her laufen, aber die können einen Augenblick schweigen -, daß ich richtig darauf achte, was gesagt wird. "Vater unser, der Du bist in den Himmeln..." - Das ist doch etwas, das man gar nicht oft genug "in sich aufnehmen" kann, daß ich diesen Gott, der mich geschaffen hat und der mich richten wird, als VATER anreden darf. Das bedachte Gebet.
Aber nun kommt manches, das uns gewisse Schwierigkeiten macht. Ich will nur eine einzige Sache erwähnen: das hochzeitliche Gewand. Bei den Gebeten zur Vorbereitung auf das Abendmahl - ich habe sie doch schon einige tausend Mal gebetet, das sind immerhin 20 Seiten, die, und das tun auch viele Gläubige, jedesmal vorm Empfang des Abendmahls gebetet werden sollten - entdecke ich immer wieder etwas Neues. Aber damit auch zum hochzeitlichen Gewand. "Herr, ich habe kein hochzeitliches Gewand. Du wirst mich sicher aus dem Abendmahls-Saal hinauswerfen lassen. Erbarme Dich meiner, schenke mir das hochzeitliche Gewand." Was hat es damit auf sich? Das ist, das wissen und erinnern Sie ja, das Gleichnis vom Hochzeitsmahl. Da wurden Leute von den Straßen, von den Hecken eingeladen, weil die richtigen Gäste nicht gekommen waren, und als sie dann alle am Tisch saßen, kam der Hausherr herein, geht herum, sieht mit einem Mal einen und sagt: "Du hast kein hochzeitliches Gewand an." Der verstummt, und der Herr ist ganz böse und sagt: "Bindet ihm die Hände und Füße, werft ihn hinaus in die Finsternis. Da wird sein Heulen und Zähneklappern." Die Heilige Schrift ist nicht immer so harmlos wie wir uns das vorstellen. Der Mann wird also hinausgeworfen, und nun fragt man sich: "Wie kommt das denn, wie kann das angehen? Das ist doch ungerecht. Die Leute sind alle von der Straße und den Hecken eingeladen worden, und dieser arme Mensch, der wird nun beschimpft." Nein, nein, das ist schon gerecht. Das ist auch etwas, das im . . . Psalm steht: "Herr, Du wirst siegen, wenn . . ." Dann, wenn wir anfangen, über Gott zu meckern - um das wieder auf hamburgisch zu sagen -, dann offenbart sich erst die Größe Gottes, wenn wir den Mut haben, auch weiter zuzuhören. Diese Geschichte erklärt sich ganz einfach: Bei einem Hochzeitsmahl in Palästina - auch weit im Orient - bekommt jeder Gast ein hochzeitliches Gewand, wenn er durch die Tür hereinkommt. Der Hausvater steht da und gibt ihm nicht nur die Hand, sondern auch ein hochzeitliches Gewand. Aus vielen Stellen der Heiligen Schrift können Sie ganz deutlich erkennen, daß das so ist - Naäman, der gute, hat ja auch schon die kostbaren Gewänder für den Propheten mitgebracht - , das ist also alles üblich. Dieser Mann, der kein hochzeitliches Gewand anhatte, hat das nur nicht angenommen. Dem war das nicht gut genug. Dem Mann, der das hochzeitliche Gewand nicht angenommen hat, war das Gewand, das Gott ihm zur Würde beim heiligen Abendmahl gab, nicht gut genug! Kann das möglich sein? Oh, das kann ausgezeichnet möglich sein. Wenn man sieht, wie demütig Gott oft mit uns umgeht. Wir müssen ja nicht gleich eine arme Kirche sein, aber wie manche Dinge manchmal doch ganz armselig bei uns sind, dann will natürlich der, der diesen eleganten Kashmir-Sakko anhat, lieber mit seinem Sakko in die Kirche gehen, als daß er sich nun so ein Gewand geben läßt. Wie dem auch sei, jedenfalls ist es offensichtlich, daß das Gleichnis nur verständlich ist, wenn man nachdenkt. Wenn man erst nachdenkt und denkt: "Das ist doch nicht richtig. Was erzählt der Herr Jesus Christus da?" sich dann informiert, dann erkennt, wie die Sache zusammenhängt und dann begreift, warum der Hausvater so zornig und böse ist: deshalb, weil dieser böse Mensch das hochzeitliche Gewand nicht angezogen hat, das der Hausvater ihm gegeben hat. Für uns ist das hochzeitliche Gewand dargestellt oder verwirklicht sich in der heiligen Beichte. Wenn wir Unwürdigen zum heiligen Abendmahl hinzutreten wollen, dann gehen wir vorher zur Beichte - wie Sie früher auch -, und dann schenkt uns Gott durch den Segen und durch die Lossprechung des Priesters das hochzeitliche Gewand.
Klugheit kann, muß aber keine Störung des Gebetes sein. Und das ist etwas, das ich auch langsam immer besser gelernt habe. Wenn irgendwo in der Heiligen Schrift - ich habe gesagt, ich will keine weiteren Beispiele nennen - mich die Sache etwas verwundert, um es freundlich zu sagen, oder - wie diese Geschichte mit dem hochzeitlichen Gewand - so richtig ärgert, dann fange ich an nachzudenken, auch nachzulesen oder jemanden zu fragen, der davon etwas versteht. Und dann steigt und wächst in mir immer die Bewunderung für die Weisheit und Herrlichkeit Gottes auch im Gebet. In der Fastenzeit beten wir das Gebet des Ephraim des Syrers - damit wollen wir diese Überlegung erst einmal abschließen -, das ist ein ganz interessantes Gebet, weil es nämlich von Tugenden redet. Aber ich will es Ihnen erst einmal sagen: "Herr, Gebieter meines Lebens, den Geist des Müßigganges, der Verzagtheit, der Herrschsucht und der Schwatzhaftigkeit nimm von mir. Den Geist aber der Keuschheit, der Demut, der Geduld und der Liebe gib mir, Deinem Kinde. Herr, gib mir Erkenntnis meiner Sünden und laß mich nicht meinen Bruder richten, denn Du bist hochgelobt in alle Ewigkeit." - Ein Gebet von einer erstaunlichen Weisheit! Müßiggang, Verzagtheit, Herrschsucht, Schwatzhaftigkeit - wir beten das in der Fastenzeit jeden Tag etwa fünf- bis sechsmal, also sehr häufig, und langsam sinkt das in uns hinein, so daß wir spüren, was da geschieht.
Verzagtheit ist etwas, das uns oft überfallen kann, daß man sagt: "Ach, Mensch, die Welt ist doch zu schrecklich." Und: "Wie kann Gott uns so etwas antun?" Und: "Warum stirbt der?" Und: "Warum hat der so viel Pech?" Und: "Ach, das ist doch alles ganz traurig in dieser Welt." - Ja, da muß man Gott wirklich bitten: "Den Geist der Verzagtheit nimm von mir, daß ich zuversichtlich werde."
Müßiggang ist etwas, was der moderne Mensch meines Wissens zum ersten mal in der Geschichte erlebt - ist nicht ganz wahr: Früher waren es die Reichen, die 'nicht Arbeitenden', wie bei Dostojewski. Ich weiß nicht, ob es Ihnen aufgefallen ist, daß bei Dostojewski kein Mensch arbeitet. Da wird nur diskutiert, gemordet und geliebt. Ich sage das jetzt ein bißchen sehr grob, aber es ist wirklich erstaunlich, daß bei Dostojewski die Arbeit eben nicht vorkommt. Deshalb haben die Reichen immer solche Schwierigkeiten gehabt, und jetzt haben sie auch die Arbeitslosen. Das war auch das Erstaunliche der großen Arbeitslosigkeit 1929-33, da waren die Arbeitslosen viel "glücklicher" als heute, weil sie nämlich nicht so viel Unterstützung bekamen. Sie mußten sich Tag und Nacht darum bemühen, ein kleines Stück Brot und ein bißchen Kohle zum Heizen zu bekommen. Heute haben die wirklich Müßiggang. Und nun - obwohl es ihnen ganz gut geht, sie auch Auto fahren (das muß allerdings auf die Freundin zugelassen werden, sonst gibt es keine Unterstützung, aber das läßt sich ja alles regeln) - spürt man plötzlich in unserer Welt, was Müßiggang bedeutet und daß eben Tätigkeit, schöpferische Tätigkeit - ich will nicht unbedingt das Wort 'Arbeit' gebrauchen -, auch diakonische, karitative Tätigkeit zum Wesen des Menschen gehört. Wer nichts tut - das habe ich schon einmal beschrieben -, dessen Seele verkommt.
Herrschsucht - das ist etwas, bei dem man gar nicht genug beten kann, davon befreit zu werden. Wir sind natürlich alle demütig, das weiß ich auch, aber die Herrschsucht schlägt, finde ich, immer wieder durch. Irgendwann denkt man, man muß doch mal zeigen, . . . Schwatzhaftigkeit. Jedesmal, wenn ich das Gebet heute morgen gesprochen und an diesen Vortrag gedacht habe und auch: Wie bemühe ich mich, etwas Vernünftiges zu sagen? . . . Es gibt ein altes griechisches Wort: "Es ist sehr schön, viele Dinge mit wenigen Worten zu sagen." Aber wir sind eben die "Viel-Wortler", die "Viel-Wort-Gebraucher".
Zuerst habe ich eigentlich Keuschheit im Beten gelernt - ich meine nicht die Keuschheit meines Lebens, die wird mir Gott schenken, sondern was das bedeutet. Wir sind doch alle modern, aufgeklärt. "Das ist ja alles nicht mehr so ernst gemeint. Der heilige Apostel Paulus war ein bißchen rückständig". Nein, nein: Wenn man mit der Keuschheit im Gebet umgeht, dann spürt man plötzlich, was das bedeutet, "ganz und gar offen zu sein für Gott", für einen Menschen da zu sein in der Liebe, für Gott, für den Einen Gott, den Einen Herrn da zu sein, was Keuschheit einfach bedeutet: daß ich nicht ständig - ich bin schon wieder beim Anfang meines Vortrages - von tausend Gedanken und Gefühlen abgelenkt werde, daß ich wirklich "in einfacher Eindeutigkeit" mich Gott zuwende. Und wer das oft betet, der hat auch dann, wenn er verheiratet ist, ein wirklich gutes Gespür dafür, daß die Vollendung des Menschen der Mönch und die Nonne sind, daß dann, wenn der Mensch sich von allem lossagt - wie der heilige Apostel Paulus, der "Rückständige", ja auch sagt -, er sich wirklich ganz und gar Gott zuwenden kann.
Demut - das ist etwas, was auch im Gebet uns immer wieder von Gott geschenkt werden kann, wofür wir auch sehr dankbar sein dürfen.
Geduld. Ich weiß nicht, ob Sie sich erinnern, daß der Merphisto den Faust zunächst für sich gewinnt, indem er sagt: "Geduld? Damit muß mal zu Ende sein!" Geduld ist etwas, das wir gerade in unserer Zeit lernen können.
Und all das vollendet sich in der Liebe. So ist das Gebet und das ständige Gebet und die Offenheit unseres Herzens für Gott die eigentliche Kraft, die uns miteinander verbindet, weil Gott uns liebt .
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