|
Dr. A. Backhaus • Schwanenwik 31 • 22087 Hamburg
Heil, Heilung, Krankenölung
Haben wir vor Gott einen Anspruch auf
Gesundheit und langes Leben?
Berneuchener Dienst, Hamburg, 19.6.1993
Liebe Brüder und Schwestern, vielen Dank für die Einladung. In dem Gebet
an den Heiligen Geist, das jeder orthodoxen Zusammenkunft und jedem
Gottesdienst vorausgeht, heißt es: »Himmlischer König, Tröster, Geist der
Wahrheit, der Du überall bist und alles erfüllst, Schatz der Güter,
Spender des Lebens - komm und wohne in uns und reinige uns von aller
Befleckung und rette, Gütiger, unsere Seelen.«
Da wird der Heilige Geist gemäß der Heiligen Schrift als: »Der
Spender des Lebens« bezeichnet. (Joh. 6,63; l.Kor. 15,45; 2.Kor. 3,6)
Wenn wir uns mit Gesundheit und Krankheit beschäftigen, dann
steht dahinter die Frage, die alle Wissenschaft nicht hat wirklich
beantworten können, was eigentlich das Mysterium, das Geheimnis des Lebens
ist. Das Erstaunliche für uns Menschen, für die Bäume, für die Tiere ist,
dass es sich um ein lebendiges Wesen handelt, dessen Gestalt zwar erhalten
bleibt, dessen Bestandteile aber ständig wechseln, so dass wir wissen,
dass die Atome und Moleküle unseres Körpers selbst die Kalziumatome
unserer Knochen, immer wieder ausgetauscht werden, so dass wir vor einem
halben Jahr völlig anders zusammengesetzt waren als heute. Das bedeutet,
dass etwas Geheimnisvolles, etwas Strukturgebendes uns erhält; und dieses
Gebet sagt, wie die Heilige Schrift, dass aus dem Heiligen Geist das Leben
hervorgeht.
Krankheit ist nicht unmittelbar und notwendig etwas, was wir
negativ erleben, dem wir zu entfliehen suchen; Krankheit ist nach der
Auferstehung des Herrn Jesus Christus keine Strafe Gottes, sondern eine
Anrede Gottes. Gott redet uns durch die Krankheit an, wie das schon Hiob
erfahren hat nach den Berichten des Alten Testamentes; noch für das Buch
Sirach im 38. Kapitel ist es ganz selbstverständlich, dass Krankheit Folge
der Sünde ist, dort heißt es: »Mein Kind, begehe keine Sünde, damit du dem
Arzt nicht in die Hände fallen musst.« (frei nach Sirach 38,15; auch Hes.
18,4)
Anders wird es, als der Herr Jesus Christus dem Mann begegnet, dem
Blindgeborenen, und die Jünger in berechtigter Erinnerung an die Worte des
Alten Testamentes fragen: Wer hat gesündigt? Dieser Mann selbst, seine
Eltern? Der Herr sagt - ich meine, fast unwillig - zu ihnen: »Niemand hat
gesündigt.« (Joh. 9,3; auch 11,15). Diese Krankheit ist, dass die
Herrlichkeit, (die Werke) Gottes an ihm offenbar werde (Joh. 9,3). Mit
Jesus Christus ist alles auf Zukunft gerichtet. Da wir dem Herrn in der
Gegenwart unseres Lebens und unseres Sterbens begegnen, ruft Er, führt Er,
zieht Er uns in Seine Gegenwart und aus dieser Gegenwart in die Zukunft.
Krankheit geschieht heute nicht als Bestrafung des Sünders, sondern dass
die Herrlichkeit Gottes offenbar werde. Das trifft nicht nur für den
Blindgeborenen zu, sondern wird auch uns geschenkt; und es bleibt der Herr
und Gott, der wahre Arzt, wie im zweiten Buch Moses, im fünfzehnten
Kapitel, Vers 26, steht: »Ich bin dein Gott, dein Arzt.«
Zur Beruhigung der Ärzte fährt dieser Satz nicht fort: »du sollst
keine anderen Ärzte haben neben mir«, wie es in anderen Fällen ist,
sondern das Buch Sirach sagt ausdrücklich: »Wenn du kannst, so rufe den
Arzt zu dir, vorher aber bete, befreie dich von deinen Sünden, und auch
der Arzt wird solches tun.“ Das geschieht - glaube ich - auch heute sehr
viel häufiger als wir eigentlich vermuten, dass auch die Ärzte Gott
anrufen, wie es schon im alten Rom vorgeschrieben war. Das »Rp«, das auf
den Rezepten steht, heißt ursprünglich nicht: rezipe - nimm - wie man
heute deutet, sondern ist das Zeichen des Jupiters. Die Ärzte in Rom waren
verpflichtet, vor dem Aussschreiben eines Rezeptes den Jupiter anzurufen
und deshalb jedes Rezept mit dem Zeichen des Jupiters zu überschreiben. Es
würde heute seltsam wirken, wenn ein Arzt ein Kreuzeszeichen auf das
Rezept macht, aber diese Anrufung Gottes geschieht, weil unser Handeln an
Kranken, mit den Kranken, gegen die Krankheit ein Handeln ist, das in der
Geborgenheit Gottes geschieht, weil Er allein als der Lebensspender und
Lebensschöpfer uns die Kraft geben kann, die Krankheit zu wenden.
So heißt es im Jakobusbrief, der als Grundlage der Krankenölung
bezeichnet wird: »Brüder, als Vorbild im Leid und in der Geduld nehmt die
Propheten, die im Namen des Herrn gesprochen haben: Siehe wir preisen sie
selig, die, die ausgeharrt haben. Ihr habt gehört von der Geduld des Hiob
und habt den Ausgang vor Augen, den ihm der Herr verliehen, denn voller
reichen Erbarmens und Mitleids ist der Herr. Hat einer Leid unter euch,
soll er beten; hat er Freude, soll er lobsingen. Ist jemand krank unter
euch, so lasse er die Priester der Kirche kommen, so dass sie über ihn
beten, ihn mit Öl salben im Namen des Herrn. Das Gebet des Glaubens wird
den Kranken retten, und der Herr wird ihn aufrichten; wenn er Sünden
begangen hat, werden sie ihm vergeben werden. Bekennet einander eure
Sünden und betet für einander, damit ihr geheilt werdet. Denn viel vermag
das inständige Gebet eines Gerechten.« (Jak 5,10-16, sinngemäß)
Der heilige Apostel schreibt nicht, dass durch das Gebet der
Kirche bei jedem und immer eine medizinische Heilung eintritt, sondern er
sagt, Gott wird die Kranken aufrichten. An einer anderen Stelle sagt der
Herr selbst, von der Fähigkeit, von der Vollmacht der Jünger auf Schlangen
zu treten, Tödliches zu trinken, und den Kranken die Hände aufzulegen,
dass das Zeichen sind; »solche Zeichen werden euch folgen« (Mark 16,17).
Das heißt, jede Heilung eines Kranken, wie auch jedes andere wunderbare
Eingreifen Gottes in diese Welt, ist ein Zeichen für die Herrlichkeit, für
die Auferstehung, für die Liebe Gottes.
Deshalb gibt es keinen mechanischen Zusammenhang, und die
Vorstellung, dass Sakramente, Gebete wirkten wie Magie oder als
mechanisches Geschehen, ist offenbar weit entfernt von der Wirklichkeit,
es ist immer der liebende, allwissende Gott, der an uns handelt und der
durch Zeichen deutlich macht, dass Er ein Gott ist, der Wunder tut. So
heißt es in den Psalmen: »Unser Gott ist ein großer Gott, ein Gott, der
Wunder tut«. Dieses Prokimen ist ein kurzer Gesang aus dem
siebenundsiebzigsten Psalm, der am Ostersonntag beim Abendgottesdienst
gesungen wird, und in anderen besonders feierlichen Augenblicken. Dieser
Vers weist darauf hin, dass alle unsere Versuche, Gottes Handeln zu
erklären, letzten Endes an dem Wichtigsten und Entscheidensten
vorbeigehen, dass unser Gott ein Gott ist, der Wunder tut. In den Gesängen
der Kirche heißt es auch: »Er besiegt die Gesetze der Natur.«
Der Mensch, schon zur Zeit des Celsus, 178 nach Chr., versucht alle
Dinge, die Gott tut, in den Rahmen und das System seiner Weltanschauung,
seiner wissenschaftlichen Kenntnisse, einzuordnen und bemüht sich z.B. auf
komplizierte Weise, die Jungfrauengeburt als doch auch möglich
hinzustellen oder abzulehnen, ohne zu erleben, dass gerade in diesen
Handlungen Gottes Wunder geschehen. »Er besiegt die Gesetze der Natur«, Er
führt uns aus der Vergänglichkeit in die Unvergänglichkeit, aus der
Zeitlichkeit in die Ewigkeit.
Das ist die Erfahrung der Kirche. Oft wird darüber geklagt,
dass es so schön gewesen sei, als Jesus Christus in Palästina über die
Straßen ging, dass damals wirklich alle geheilt wurden. Es ist richtig, es
wird berichtet, nachdem der Herr gepredigt hat, kamen die Kranken zu Ihm
und Er heilte sie alle. (Matth. 14,36). Aber Er sagt selbst, dass
keineswegs alle geheilt werden, sondern nur die, die Ihm dort
entgegenkommen, die bei Ihm sind; während viele andere nicht geheilt
werden, und der Herr erinnert uns daran, dass eine solche Heilung ein
Zeichen ist. Trotzdem ist es kein Zweifel, dass in unserer Zeit rein
zahlenmäßig viel mehr wunderbare Heilungen geschehen als wir vermuten.
Gerade die kritische moderne Wissenschaft, wie in Lourdes oder in Fatima,
hat die Heilungen überprüft, bestätigt uns ausdrücklich, dass dort etwas
geschieht, was über menschlichen Verstand und über menschliche Fähigkeiten
hinausgeht, so dass es dem Arzt wohl ansteht, dem sogenannten »unheilbaren
Kranken« nicht zu sagen, du bist unheilbar, sondern ihm zu sagen, meine
ärztliche Kunst ist nicht in der Lage, dir eine Heilung zu versprechen.
Der, der heilt, ist immer der Herr selbst. Der das Leben schenkt, ist der
Heilige Geist; und wir können nur in der Praxis unseres Lebens
überschauen, was wir aus der Erfahrung der Geschichte und der Wissenschaft
den Kranken versprechen können, aber niemals von einer unheilbaren
Krankheit reden.
Das Erstaunliche aus meiner eigenen Erfahrung ist, dass oft der
Ungeheilte nach der Krankenölung sehr viel glücklicher ist als der
Geheilte. Als ich die erste erstaunliche Heilung nach einer Krankenölung
erlebt hatte bei einem inoperablen und metastasierenden Karzinom, dachte
ich, die Welt würde sich verändern. Der Kranke, der jetzt Gesunde, würde
ein anderer werden, die Gemeinde, die das miterlebt hatte, die
Krankenölung fand in der kleinen Nikolaikirche am Böhmersweg in Hamburg
statt, würde jetzt eine Gemeinde der Erweckten, der Versöhnten,
Friedfertigen sein. Dieses Ereignis, eine wunderbare Heilung, war nach
spätestens einer Woche vergessen. Davon ging überhaupt keine erweckende,
versöhnende, erleuchtende Wirkung auf die Gemeinde aus. Sie fanden das
sehr interessant, waren auch sehr begeistert, aber sie stritten sich
genauso, wie sie sich vorher gestritten hatten. Es änderte sich eigentlich
nichts; und auch für den Kranken, auch der wurde nicht ein neuer Mensch,
der wurde kein Apostel des Glaubens, nicht Tag für Tag brachte er sein
Lobopfer Gott dar für die erfolgte Heilung, sondern alsbald ging er seinen
Geschäften nach und seinem üblichen Lebenswandel, den er immer schon
gehabt hatte.
Während ich umgekehrt eine ganze Reihe Krankenölungen erlebt habe,
die nicht zu einer medizinischen Heilung führten, aber der Kranke wurde
aufgerichtet und er wurde oft zum Mittelpunkt der Gemeinde. Zu seinem
Krankenbett, an das er gefesselt war - ich habe mehrere vor Augen - zu
seinem Krankenbett kamen die Leute, bei ihm fand Versöhnung statt, er
sagte das Evangelium weiter und er schenkte Ruhe und Frieden und
Zuversicht den Menschen, die
zu ihm kamen, so dass sich hier die Krankheit erwies als der Weg Gottes zu
Seiner Herrlichkeit.
Gott tut Wunder und tut Zeichen. Das größte Zeichen ist nicht das
körperliche, sondern das größte Zeichen ist, wenn der Mensch erleuchtet
wird, das Evangelium weiter zu sagen.
Die Krankenölung heißt: soborowanie, es kommt von dem Wort:
zusammensammeln. Es ist eine Gemeinschaftshandlung, darin wird deutlich,
was eigentlich selbstverständlich ist, der Fluch der Krankheit ist die
Vereinsamung des Menschen. Ich kann erinnern, als ich hier noch in diesem
Hause als kranker Student lag, mit welchem Bedauern ich die U-Bahn habe
vorbeifahren sehen, zu der ich sonst nicht so gerne früh aufgestanden war,
aber mit einem mal ist man herausgenommen, die Krankheit reißt uns aus dem
alltäglichen Stress heraus und wir fühlen uns vereinsamt, und die
Schwierigkeit für uns Menschen liegt darin, dass wir das Wort des Herrn,
dass wir Kranke besuchen sollen, nicht so leicht erfüllen, weil uns
Krankheit überhaupt unsympathisch ist, weil die ganze Atmosphäre des
Krankenzimmers uns bedrückt, aber auch, weil wir nicht wissen, was wir mit
dem Kranken, besonders mit dem Schwerkranken, sprechen sollen.
Es ist manchmal sehr makaber, wenn ein Mensch, der tatsächlich wenige Tage
danach stirbt, mit uns über die nächste Urlaubsreise spricht, und wer ihn
dann vertreten könnte, es ist unnatürlich, am Krankenbett die gleichen
Gespräche zu führen, wie wir sonst geführt haben. Der Tod ist immer hinter
der Krankheit; und so ist das Grimm'sche Märchen von großer Weisheit, wo
der Tod dem Menschen verspricht, ihn nicht vor dem Sterben zu bewahren,
aber ihm rechtzeitig Mitteilungen zu machen. Der Tod wird von dem Menschen
im Märchen zerschlagen im Graben gefunden, der Mensch pflegt den Tod, bis
er wieder gesund ist, - sehr unvernünftig natürlich - und als er sich dann
vorstellt, sagt der Tod, ich werde dir rechtzeitig Bescheid sagen. Als der
Tod nun kommt ihn zu holen, da ist er ganz empört, »du hast dein
Versprechen nicht gehalten«; »doch, sagt der Tod, ich habe dir meine
Krankheiten geschickt, jede Krankheit hat dich daran erinnert, dass du
sterben wirst.« - Darin liegt das Geheimnis des Gespräches am Krankenbett,
dass man nicht erst beim Schwerkranken, sondern bereits bei der ersten
leichten Grippe schon vom Tode redet. In der Krankheit ist der Tod
verborgen und der Tod ist nicht das schreckliche Ende des Lebens, sondern
er ist das Tor zum Leben, der Tod ist der Augenblick, wo der Herr Jesus
Christus sein Versprechen der Taufe einlöst und uns das Ewige Leben, das
unzerstörbare Leben, das wir in der Taufe empfangen haben, erfahren läßt.
Wir treten Ihm entgegen, je mehr wir vom Tode reden, je mehr wir ein
fröhliches Gespräch vom Tode zu führen vermögen, um so leichter fällt es
uns auch, mit dem Kranken zu sprechen.
Weil nun die Vereinsamung des Menschen ein Fluch der Krankheit ist,
darum soll die Krankenölung nach Möglichkeit von mehreren Priestern
zusammen - sieben -ausgeführt werden, damit dadurch die Gemeinschaft
sichtbar wird. Die Krankenölung kann überall gespendet werden, aber wenn
es geht, in der Kirche, Die Gemeinde soll anwesend sein, damit wirklich
dieses Wiederaufgenommenwerden des Kranken in die Gemeinschaft deutlich
sichtbar wird; und so heißt es in den Gebeten: Herr, richte ihn auf, damit
er Dir rechten Lobpreis darbringen kann.
Das Ziel menschlichen Lebens ist das Gebet und der Lobpreis Gottes,
auch das vergessen wir immer wieder und meinen, es gäbe viele andere
Ziele, die wir als übliche menschliche Ziele und Sinngebungen vor Augen
haben; die sind alle vergänglich. Das einzige Ziel, der einzige Sinn, die
einzige Vollmacht unseres Lebens, ist das Gebet und der Lobpreis Gottes in
der Gemeinschaft der Kirche und in dem stillen Kämmerlein; dazu wird der
Mensch wieder aufgerichtet, darum beten wir: »vor allen Dingen...« in der
Krankenölung. Das ist nicht unberechtigt, man sagt: Krankheit lehrt beten.
Aber es ist nicht selbstverständlich. Krankheit kann einen Menschen so
sehr ergreifen, in Schmerzen, in Bedrängnis, so sehr ergreifen, dass er
gar nicht mehr zum Beten fähig ist. Deshalb bedarf es der Aufrichtung,
sicher auch der Kunst des Arztes, dass er die zerstörerischen, die
Kommunikation mit Menschen, die Kommunikation mit sich selbst, Gebet zu
Gott, unmöglich machenden Schmerzen durch entsprechende Mittel von dem
Kranken nimmt, damit er wieder frei wird in seiner Krankheit, seine Hände
zu Gott zu erheben. Das Gebet, der Lobpreis ist das Ziel unseres Lebens;
und es bedurfte auch für mich vieler Jahre und Jahrzehnte um das immer
deutlicher zu begreifen. Bei aller Freude über die Schönheit der Welt und
über die Gemeinschaft der Menschen, bleibt doch das eigentliche Herrliche,
unsere Begegnung mit Gott, dass wir unsere Herzen und Hände Ihm
entgegenstrecken und spüren, in der Weisheit unseres Herzens spüren: Seine
Gegenwart.
Gemeinschaft wird uns geschenkt; aber nicht nur Gemeinschaft mit
Menschen, sondern auch Gemeinschaft mit der Welt, wie sie durch das Öl
dargestellt wird. Was die Wissenschaft weiß, wusste die Heilige Schrift
schon sehr viel früher, dass der Mensch angewiesen ist auf die Umwelt. Wir
atmen, wir essen und trinken, wir sind darauf angewiesen, das uns etwas
zugeführt wird. Wie wir heute wissen, ist das nicht die materielle
Nahrung, sondern auch die Liebe, die uns zugewandt wird, auch das gehört
dazu, damit wir gesund sind, damit wir zu leben vermögen. Kinder, die
keine Liebe erfahren, sind auch in ihrem Leben gefährdet, aber es gehört
zur Seltsamkeit, zur seltsamen Weisheit Gottes, zu seiner Haushalterschaft,
dass er uns so geschaffen hat, dass wir in diese Welt, erst in dem Garten
des Paradieses und jetzt in unsere Welt, hinein gehören und aus dieser
Welt Dinge zu uns nehmen - schon im Paradies, (1. Mos. 2,9) - und dieses
Angewiesensein auf Essen und Trinken wird auch im Neuen Jerusalem
erhalten, dort heißt es: dass an den Bäumen, die an den Strömen stehen,
die aus der Stadt in die Welt fließen, die Früchte zur Nahrung und die
Blätter zur Gesundheit der Völker dienen. (Offb 22,1).
So auch mit dem Gewand: Der nackte Mensch des Paradieses (1. Mos.
3,7) wird zum bekleideten Menschen (Offb 12,1) des Neuen Jerusalems.
Wenn der Herr sagt, dass Er, wenn Er wieder kommen wird (Matth. 26,20),
mit uns das Abendmahl halten wird, ist deutlich, dass Essen Ausdruck der
Gemeinschaft ist, ein Ausdruck der Gemeinschaft, die über das hinausgeht,
was unseren begrenzten Körper und unsere begrenzte Seele ausmacht.
Gleichzeitig verbindet uns das Öl der Salbung mit der ganzen
Geschichte Gottes. Wir erinnern uns an den Ölzweig (1. Mos. 8.11), den die
Taube Noah brachte als Zeichen der Versöhnung; sie erinnert uns daran, das
die Könige und Hohenpriester gesalbt wurden. (3. Mos. 21,10; 2. Mos. 29,7;
PS. 133,2). Wenn heute der Priester seine Stola anlegt, dann denkt er an
die Gnade Gottes, die wie das Öl, das über Aaron herabfloss bis zum Saum
seines Gewandes, ihn im Zeichen der Stola, im Zeichen des Epitrachilions,
wie ein Öl der Gnade umgibt.
Bei der Weihe des Öles gedenken wir dieser Ereignisse, wobei Weihe
nicht bedeutet, dass dem Öl etwas Neues hinzugefügt wird, sondern im
Gegenteil, dass das Öl seine eigene ihm innewohnende, von Gott geschaffene
Herrlichkeit voll entfaltet. In der Weihe eines Dinges, wie hier des Öles,
sagen wir uns einmal los von unserer Einbildung, dass uns Dinge gehörten.
Wir geben das Öl wieder Gott zurück, Dem es eigentlich gehört. Wir sind
nur die, die es benutzen dürfen. Zugleich entfaltet das Öl seine heilende
und heilsame Kraft in dem Segen des Herrn.
So ist es auch mit der Medizin. Im Buche Sirach, achtunddreißigstes
Kapitel, heißt es: nachdem der Arzt gekommen ist, wird er dir Arznei
geben, die der Apotheker (Sir. 38,7) in kluger Weise aus den Dingen der
Schöpfung zubereitet. Der Kranke ist auf Arznei angewiesen. Vor allen
Dingen auf die Arznei der Liebe, aber auch auf die Arznei aus der
Schöpfung, aber auch hier bedarf es des Gebetes, des Vertrauens auf Gott,
des Empfangens auch des materiellen Arzneimittels aus der Hand Gottes,
damit es seine wirkliche heilsame Kraft entfalten kann.
Siebenmal wird der Kranke gesalbt von sieben Priestern nach
einander, wenn so viele da sind, es kann auch einer alleine tun, siebenmal
wird Evangelium gelesen, siebenmal wird ein Apostel gelesen. Mit diesen
Evangelien, nicht mit allen, wollen wir uns jetzt beschäftigen.
Das erste Evangelium scheint uns seltsamerweise oder
natürlicherweise im ersten Augenblick sehr angemessen: der barmherzige
Samariter. Das passt sehr gut. Aber schon beim barmherzigen Samariter,
beim Gleichnis vom barmherzigen Samariter vergessen wir immer die
Einleitung. »Meister, was muss ich tun, um das Ewige Leben zu erwerben?«
(Luk.10,25) Das ist die Frage, die an den Herrn Jesus Christus gestellt
wird; und das Gleichnis vom barmherzigen Samariter ist nur ein Gleichnis,
in dem uns deutlich gemacht wird, was geschehen kann, wozu wir
bevollmächtigt und verpflichtet sind, damit wir das Ewige Leben erwerben.
Die Krankheit ist eine Anrede Gottes, die uns aufruft, uns Gott
zuzuwenden auf dass wir das Ewige Leben erwerben, die uns aufruft, uns
Gesunde aufruft, in der Barmherzigkeit und Liebe zu dem Kranken, der uns
zum Nächsten wird, das Reich Gottes zu verwirklichen. Darum wird dieses
Gleichnis mit der Einleitung als erstes Evangelium gelesen. Natürlich wird
auch hier Öl und Wein erwähnt. Auch Paracelsus berichtete in den großen
Schlachten seiner Zeit, dass die Wunden mit Wein ausgewaschen wurden, zur
Desinfektion - würden wir heute sagen - und dann mit in Öl getauchten
Tüchern verbunden wurden. Eine uralte schon bei den Griechen und Ägyptern
natürliche Methode, so dass hier offenbar das Öl ein uraltes Pharmakon,
ein uraltes Heilmittel ist. Aber das Entscheidende dieses Gleichnisses ist
nicht die Heilung des Kranken, der unter die Räuber gefallen ist, sondern
der Weg, den der Samariter mit dem Zerschlagenen zurücklegt in die
Herberge. Die Väter haben gesagt, die Herberge ist die Kirche, die beiden
Dinare sind Taufe und Abendmahl, und so vertraut er den Kranken der Kirche
an, auf dass er dort geborgen und gepflegt wird, bis der Herr wiederkommt,
um ihn in die Herrlichkeit zu führen. Auch das macht schon deutlich, dass
Krankheit und Handeln an Kranken und mit den Kranken immer auf Ewigkeit
hin gerichtet ist.
So hat auch schon Johannes Chrysostomos gesagt: Mag der Herr dich
auch von schwerer Krankheit durch wunderbares Eingreifen heilen, so gehst
du doch dem Tode entgegen. Die Heilung ist immer nur ein vorläufiges
Ereignis, nun kann man auch rein praktisch sagen: Je mehr ich mich loslöse
von dem einseitigen, fanatischen Verlangen nach Gesundheit, um so
glücklicher werde ich.
Das beginnt schon im Schmerz einer Krankheit; eine Krankheit, die
uns überfällt, die uns weh tut mit Fieber und Schüttelfrost, Krämpfen und
ähnlichem, verliert ihren Schrecken, wenn wir uns geduldig ihr ausliefern.
Wenn wir Gott danken, dass Er uns auf diese Weise so handfest anfasst,
wenn wir spüren, dass die Krankheit nicht die Schläge des Teufels sind,
sondern dass es die liebevolle Hand Gottes ist. Wie Pascal gesagt hat und
auch die Väter schon gesagt haben, Gott ist wie eine Mutter, die das Kind
aus den Händen der Räuber herausreißt; das Kind schreit, weil es ihm weh
tut, die Mutter zieht das Kind mit aller Macht heraus und befreit es aus
der Macht der Räuber, das tut weh, darum schreit das Kind; aber die Mutter
tut es aus Liebe, um das Kind zu heilen, ihm das Heil zu geben; und so
auch wir. Wir sind in Sünde gefallen, die hält uns fest, wie die Räuber
das Kind festhalten, und Gott reißt uns aus der Macht der Sünde heraus
durch viele Ereignisse, aber auch durch die Krankheit.
»Alles Gute, vor allen Dingen Gesundheit« muss immer noch einen
Nachsatz haben; auf das Gottes Herrlichkeit offenbar werde; sonst könnte
es heißen: lieber gesund in die Hölle als krank in den Himmel. Auch ich
habe immer wieder Missgeschick, Unglück, Krankheit - rückblickend - nicht
gleich im Augenblick, rückblickend erlebt als ein Ereignis, in dem Gott
mich ruft, mich wieder auf den rechten Weg bringt.
Das eigentliche Geheimnis der Krankenölung ist die Vergebung der
Sünden, nicht die Heilung von Krankheit.
Sünde ist nicht Ursache der Krankheit. Krankheit gibt es nur in der
Welt, in der Sünde ist, in der Welt des Neuen Jerusalems, in der Welt des
Paradieses, da die Sünde keine Macht hatte, gab es keine Krankheit und
wird es keine Krankheit geben. »Ich werde abwischen alle Tränen von ihren
Augen.« (Jes. 25,8) Aber unsere Welt, in der die Sünde - nicht mehr so
richtig mächtig, aber doch ausreichend kräftig - eine Rolle spielt, ist
eine Welt der Krankheit. Das bedeutet, dass Krankheit in irgendeiner Weise
mit Sünde zusammenhängt.
Nicht so, wie wir gerne möchten, mit, persönlicher Schuld: »der hat
es ja auch verdient.« Niemand hat es verdient, Hiob hat es auch nicht
verdient. Gott straft nicht mehr, Gott ruft uns zum Heil; wie die Mutter
das Kind aus den Armen der Räuber reißt, auch auf schmerzliche Weise, und
Der, Der seinen Sohn für uns hat ans Kreuz gehen lassen, im schrecklichen
Sterben der Kreuzigung, hat uns Heil und Auferstehung geschenkt und lässt
uns daran teilhaben, so dass wir allen Schmerz und alle Krankheit dankbar
annehmen dürfen, aus der Hand Gottes, als Nachfolge unseres Herrn Jesus
Christus.
Sünde wird in der Kirche auf vielfältige Weise vergeben.
In der Taufe:
In der Taufe zerbricht die Urmacht der Sünde. Der Getaufte ist frei von
der Gewaltherrschaft des Teufels; wie es sowohl in den Gebeten der
Krankenölung wie in den Gebeten der Taufe heißt: frei von der
Gewaltherrschaft des Teufels. Der Teufel kann uns noch verführen, er tut
es auch, aber er kann uns nicht mehr zwingen. Wir sind die Freien, wir
sind die Kinder Gottes; nicht die Sklaven. Wir sind frei geworden, uns von
der Sünde zu lösen, gegen die Sünde zu kämpfen, zu beten: »führe uns nicht
in Versuchung, erlöse uns von dem Bösen«. Wir sind frei geworden. Wenn man
die Geschichte betrachtet, habe ich schon den Eindruck,
in den Zeiten vor der Auferstehung des Herrn Jesus Christus war die Welt
dunkler. Hippokrates sagt zu den Ärzten: Wenn du in das Haus eines
unheilbar Kranken kommst, verlasse ihn sobald du irgend kannst, damit dein
Ruf nicht Schaden nimmt. Ähnliche Texte gibt es in der chinesischen
Medizin. Und dass es heute für den Arzt, ob Christ oder Atheist, ob
Buddhist oder Hindu, völlig selbstverständlich ist, auch den unheilbaren
Kranken zu behandeln, meine ich, ist eine unmittelbare Folge dieser
Zerstörung der Sünde in ihrer schrecklichen Macht. Und wenn Sie die
assyrischen Siegesdenkmäler betrachten, dann sehen Sie dort, die
Gekreuzigten, Gefangenen, die Gefolterten, die Erschlagenen als
Sieges-denkmäler aufgestellt. Unsere Welt ist zwar nicht besser geworden,
aber niemand würde heutzutage noch auf die Idee kommen, sein Siegesdenkmal
mit den Grausamkeiten, die seine Soldaten im Kriege ausgeführt haben, zu
schmücken.
So gibt es viele unscheinbare, aber doch - meine ich für mich -
sehr eindrucksvolle Zeichen, dass es kein Gerede ist, dass die Macht der
Sünde zerbrochen ist. Darum heißt es auch im »Vater unser«
»Übertretungen«, »vergib uns unsere Schuld«: heißt: unsere Übertretungen,
opheil- émata, debita, trespasses, debts. Das sind unsere Sünden, das ist
Abweichen, wie es auch in dem Wort: amartia steckt, »am Ziel vorbei
schießen«, das Abweichen von dem Ziel unseres Lebens. Das heilt die
Beichte, das Gespräch, das ärztliche Gespräch, wo Gott durch den Priester
mit uns redet, um uns vor allen diesen Übertretungen,
Gesetzesabweichungen, diesem Abfall vom rechten Wege zu heilen und uns
einen Weg der Heilung zu öffnen.
Sünde wird vergeben durch den Empfang des heiligen Abendmahles, im
tiefsten Grund unseres Daseins: »Esset und trinket zur Vergebung der
Sünden.« Das, was in der Taufe grundgelegt wird, was uns in der Beichte
geschenkt wird, das hochzeitliche Gewand, mit dem wir in die Gemeinschaft
des Abendmahles eintreten, wird im Abendmahl, im tiefsten Grunde unseres
Daseins verwirklicht. Durch den Empfang des Heiligen Leibes und Blutes des
Herrn Jesus Christus werden wir befreit, geheilt von den Sünden. (Matth.
26,28)
Die Krankenölung ist eine ganz besondere Art mit der Sünde
umzugehen, hier handelt es sich um die Sünde, die wir nicht in Worte
fassen können. Das ist unsere Schwierigkeit, unsere Schwierigkeit von
unseren Sünden zu Gott zu reden; weil wir nicht so recht wissen; was
eigentlich Sünde ist; weil wir nicht wissen, ob diese oder jene Tat,
dieser und jener Gedanke eine Sünde ist oder nicht; weil wir vieles nicht
in Worte fassen können; »sündig bin ich Herr, sündig«, ohne Zweifel, und
trotzdem wird man immer wieder erleben, dass jemand in der Beichte sagt,
»ich weiß nicht, was ich beichten soll, das einzige was ich beichten kann,
ist, dass ich unzufrieden bin.«
Aber hier in der Krankenölung schenkt uns der Herr die Heilung von
den verborgenen Sünden, die wir nicht mit unserem Verstand fassen können.
Deshalb ist die Krankenölung auch eine Sündenvergebung am Bewusstlosen.
Sie ist nicht die letzte Ölung, die auch im Westen erst im zweiten
Jahrtausend zu diesem Ruf gekommen ist. Zum Teil deshalb, weil die im
ersten Jahrtausend, auch in der katholischen Kirche, sehr viel häufiger
durchgeführte Krankenölung immer kostspieliger wurde. Infolgedessen schob
man die Krankenölung immer weiter auf, eben bis kurz vor dem Tode, weil
man sich offenbar sehr bewusst war, dass die Krankenölung nicht nur
Heilung, sondern vor allen Dingen Vergebung der Sünden schenkt.
Es wurde erzählt, dass im Mittelalter der Priester für eine
Krankenölung einen Ochsen bekam, und das konnten sich die Leute nicht oft
leisten.
Die Texte der Krankenölung - auch der katholischen Kirche - sind
eindeutig auf die Heilung gerichtet, auf das Aufrichten des Kranken aus
der Macht der Krankheit. Da ist von einer »letzten Ölung« keine Rede. Aber
dieses Bewusstsein ist so tief vertreten, und auch bei manchen orthodoxen
Christen, dass man eine Äußerung hören kann: ach, es ist noch nicht so
weit, wir brauchen die Krankenölung noch nicht.
Nicht nur in der reformatorischen und in der katholischen Kirche,
sondern auch bei uns hat die Krankenölung in diesen Jahrzehnten wieder
zugenommen. Und zwar wird die Krankenölung nicht nur an dem Kranken,
sondern auch an dem sogenannten Gesunden ausgeführt. Mindestens einmal im
Jahr kommt die Gemeinde zur Krankenölung zusammen, möglichst die Gemeinden
der Diözese; bei uns in Frankfurt. Der Bischof lädt alle Priester ein, es
sind Hunderte von Gläubigen da, dort wird die Krankenölung an diesen
vielen Menschen vollzogen, weil wir, solange wir in dieser Welt wandern,
niemals die wirklich Ge-sunden sind, weil wir dieser Vergebung der Sünden
und dieser Heilung von den noch unsichtbaren Krankheiten in uns, bedürfen,
Wir vertrauen uns ganz und gar Gott an, damit Er uns aufrichtet, dass die
Sünden, die verborgenen Sünden in uns, durch die Krankenölung vergeben
werden. Das ist der eigentliche Inhalt und gleichzeitig auch der
Ermöglichungsgrund des Zeichens der körperlichen Heilung, wenn es Gott
gefällt, sie uns zu schenken.
Wir lernen in der Krankenölung einen ganz neuen Umgang mit der
Sünde. Das, was wir in den vielfältigen Handlungen der Kirche als Sünde
erkennen, ist nicht nur, was wir aussprechen und sagen, sondern auch das,
was wir tun. Bei der Ölung des Kranken wird in einem Gebet auch an die
Sünderin erinnert, die das Öl über die Füße des Herrn Jesus Christus
ausgießt. Das Entscheidende an diesem Ereignis - von dem der Herr sagt,
dass es uns berichtet werden wird bis in alle Ewigkeit (Matth. 26,13) - ;
das Entscheidende an diesem Ereignis ist, dass diese Frau durch eine
Handlung aus dem Innersten ihres Wesens sich Christus zuwendet, was sie
mit Worten nicht kann. So auch hier in der Krankenölung. Ich habe oft
Krankenölungen mit Geisteskranken gefeiert; und die Geisteskrankheit
gehört zu den immer noch geheimnisvollsten Dingen. Schrecklich, viel
schrecklicher in meinen Augen als alle anderen Krankheiten. Alle Versuche,
die Geisteskrankheit zu erklären, große Untersuchungsreihen der Italiener,
irgendwelche Stoffe im menschlichen Körper zu finden, die die Krankheit
verursachen, hatten kein Ergebnis.
Es gibt Zusammenhänge zwischen körperlichen, chemischen Vorgängen
und Erlebnissen. Viele kennen das von der Wirkung des Alkohols. Aber die
Trunkenheit ist noch im Rahmen unserer Erfahrungen verständlich, weniger
das Entzugsdelir; Tage, wochenlang hat der Mensch große Mengen Alkohol
getrunken. Plötzlich wird ihm aller Alkohol entzogen. Nach Stunden oder
Tagen wird der frühere Trinker überwältigt von Erlebnissen, Bildern,
Geräuschen, Gerüchen, die ihm wirklich vorkommen, oft bedrohend; aber
außer ihm kann niemand diese Eindrücke miterleben; es sind
Sinnestäuschungen, die über-mächtig den Betroffenen zu sinnlosen oft
verhängnisvollen Handlungen zwingen. Durch den Entzug des Alkohols treten
Halluzinationen, übermächtige Sinnestäuschungen auf. Diese
krankhaft-verhängnisvollen Erlebnisse stehen in einem körperlich
chemischen Zusammenhang zu der Einwirkung von Alkohol. Mit dem langsamen
Abklingen der vielschichtigen Wirkungen und Nachwirkungen des Alkohols
verschwinden diese Sinnestäuschungen, Halluzinationen, die aus der Chemie
und den Abläufen im menschlichen Körper verständlich sind.
Das geht nicht bei der Depression oder bei der Schizophrenie, bei
den klassischen Geisteskrankheiten. Hier stehen wir immer noch vor einem
völligen Rätsel, obwohl wir gelernt haben, großartig gelernt haben, den
Geistes-kranken nicht mehr zu fesseln, sondern ihm zu helfen mit
dämpfenden Arzneimitteln ihn so ruhig zu stellen, dass er wieder sozial
eingeordnet werden kann. Von Heilung keine Rede, aber eine Möglichkeit,
die schrecklichen Gefängniskrankenhäuser für Geisteskranke, wo sie an den
Wänden angekettet waren, überflüssig zu machen. Auch die großen Versuche,
die Geisteskrankheit aus der Umwelt zu erklären, vor allen Dingen der
Schweizer-Schule, hat keinen Erfolg gehabt. Natürlich gibt es die Neurose,
es gibt eine krankhafte Verarbeitung von Erlebnissen, die zu krankhaften
Reaktionen und Erlebnissen führen. Die kann man heilen durch
Psychotherapie, Psychoanalyse oder ähnliche Dinge.
Aber die aus der unbegreiflichen Tiefe ausbrechende Depression und
die Schizophrenie, d.h. die jetzt aus nicht mehr erklärbaren Gründen
auftauchenden Bilder, Gefühle, Gerüche, die den Menschen überwältigen, die
ihm viel wirklicher und realer vorkommen als das, was wir mit unseren
Sinnen sehen, haben keinen erkennbaren, materiellen, nachweisbaren Grund.
Und je länger ich mit Geisteskranken zu tun habe, um so mehr bin ich der
vielleicht kindlichen Überzeugung, dass das wirklich der Teufel selbst
ist.
Ich habe erlebt, dass nach der Krankenölung der Kranke aus seiner
Depression, aus seinen Halluzinationen, aus seinen krankhaften Bildern
wieder aufwachte. Ich erinnere einen nicht orthodoxen jungen Mann, der
immer, wenn ich in Ochsenzoll (Psychiatrie) Besuche machte, zu mir kam und
sagte: ach Herr Pfarrer, können wir nicht in die Kirche gehen und die
Krankenölung feiern. Wenn wir in die Kirche in Ochsenzoll gingen, stellten
wir uns vor den Altar, und wir haben die Krankenölung gefeiert. Er war
immer ganz glücklich und sagte: dann bin ich wieder für Wochen und Monate
fröhlich. So ist es hier deutlich, wie uns die Krankenölung aus der Macht
und der Gewalt des Teufels befreit.
Nachdem nun siebenmal der Kranke gesalbt worden ist, nimmt ein
Priester oder der Bischof das Evangelium, schlägt das Evangelium auf und
legt es so aufgeschlagen auf das Haupt des Kranken und betet:
»Heiliger König, Barmherziger und Gnadenvoller, Herr Jesus
Christus, Du Sohn und Wort des lebendigen Gottes, der Du nicht willst den
Tod des Sünders, sondern dass er sich bekehre und lebe; nicht ich lege
meine sündige Hand auf das Haupt des in Sünden zu Dir Kommenden und durch
uns von Dir Vergebung der Sünden Erbittenden, sondern Deine machtvolle und
kräftige Hand in diesem heiligen Evangelium, welches meine Mitbrüder auf
das Haupt dieses Deines Kindes . . . halten. Und ich bete mit allen zu
Deiner mitleidigen und des Bösen nicht gedenkenden Menschenliebe:
Gott, unser Erlöser, der Du durch Deinen Propheten Nathan dem büßenden
David die Vergebung der Sünden geschenkt und das Bußgebet des Manasse
angenommen hast, Du selbst nimm auch Dein Kind an, das seine Sünden
bereut, mit Deiner gewohnten Menschenliebe, nachsehend alle seine
Übertretungen. Denn Du bist es, unser Gott, der uns befohlen hat,
siebzigmal siebenmal zu vergeben denen, die in Sünde fallen.
Denn so groß Deine Größe ist, so groß ist auch Dein Erbarmen. Und
Dir gebühret alle Herrlichkeit, Ehre und Anbetung, jetzt und immerdar und
in die Ewigkeiten der Ewigkeiten. Amen.“
 |