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Predigt
P.
Nikolai Wolper
Hamburg, 5.2.2006
33. Sonntag nach Pfingsten:
„Sie haben ihre Gewänder gewaschen und im Blut
des
Lammes weiß gemacht.“ (Apk 7,14)
Gedächtnis der hl. Neuen Märtyrer und Bekenner
Russlands
Liebe Gemeinde,
das zwanzigste Jahrhundert nach Christi Geburt ist nicht nur
gezeichnet durch zwei furchtbare Weltkriege und mehrere Völkermorde –
vor allem an den Armeniern und den Juden -; sondern es ist auch die
Epoche der meisten christlichen Märtyrer in der Geschichte. Ein Archiv
im Vatikan sammelt alle verfügbaren Dokumente für diese riesige Wolke
von Glaubenszeugen aus aller Welt. Das betrifft alle Konfessionen –
gestern wurde z.B. des von den Nazis ermordeten evangelischen Pastors
Dietrich Bonhoeffer gedacht; auch in Hamburg und Lübeck wurden
bekennende Geistliche hingerichtet, woran z.B. eine Gedenktafel an der
Mauer des Gefängnisses Fuhlsbüttel erinnert.
Die größte Zahl der Märtyrer hat das russische Volk hervorgebracht –
die Schätzungen reichen von einer halben bis zu einer Million. Der hl.
Patriarch Tichon hatte 1925, kurz vor seinem Tod, prophezeit: „Die
Nacht wird sehr lang und sehr finster sein.“ (Riccardi, 30) Vor
der Revolution hatte es in Russland ca. 70 000 Kirchen und Kapellen
gegeben und 1025 Klöster, in denen fast 95 000 Mönche und Nonnen
lebten. 1939 waren noch 100 Kirchen geöffnet und alle Klöster
geschlossen. Ihr Amt übten statt früher 147 nur noch vier Bischöfe
aus. Es ist eine „Perversion“ – eine „Verkehrung“ im Wortsinn -, dass
ausgerechnet eines der spirituellen Zentren Russlands seit dem 15.
Jhdt., das Kloster auf den Solov’etski-Inseln im Weißen Meer, 1920
zum Konzentrationslager für Christen umgewandelt und zu einem
„Heiligtum der Märtyrer“ wurde durch die unmenschlichen Bedingungen
dort – Kälte, Hunger, Folter, Erschießen und Vernichtung durch
Schwerstarbeit. Es wäre ungerecht, jetzt einzelne der Blutzeugen
besonders hervorzuheben, denn vor Gott zählt der Unterschied zwischen
Kaiser, Fürsten, Bischöfen und einfachen Gläubigen nicht.
Aber der heutige Gedenktag ist kein Tag der Trauer und des Hasses,
sondern ein Feiertag – wie bei jedem Märtyrer-Gedächtnis seit Beginn
der Kirche Christi auf ihrem Weg durch die Zeit und die von Anfechtung
und menschlichem Versagen geprägte Geschichte. Der Herr Selbst hat
dies vorausgesagt und mit Seinem Schicksal auf der Erde vorgelebt.
Vorbereitet wurde das Gottesvolk zwei Jahrhunderte vor der
Menschwerdung des Herrn, als die gesetzestreuen Juden sich nicht nur
gegen das Vordringen der griechisch-heidnischen Kultur in Palästina
wehren mussten - sogar der Tempel wurde entweiht und als heidnisches
Heiligtum missbraucht. Nein, es entbrannte sogar ein Bürgerkrieg im
Gottesvolk selbst, weil die gebildete Schicht sich mit der fremden
Kultur zu arrangieren und die Traditionen aufzugeben bereit war.
In den Makkabäer-Büchern des AT wird über diese Epoche
berichtet. Besonders das 2. Buch stellt dabei die religiöse Bedeutung
der Ereignisse in den Vordergrund: das Vorbild der Märtyrer! Am 1.
August gedenkt die Kirche der sieben Brüder, die nach dem Zeugnis der
Hl. Schrift vor den Augen ihrer Mutter nacheinander unvorstellbar
grausam zu Tode gefoltert wurden und doch von ihrem Bekenntnis zum
wahren Gott nicht ablassen wollten (2 Makk 6 und 7). Zum ersten
Mal wird dort vom ewigen Leben der „Gerechten“ und ihrer Fürbitte für
die Lebenden bei Gott gesprochen (2 Makk 15,12-16), und dass
die Lebenden und Toten in einer Gebetsgemeinschaft verbunden sind (12,41-46).
Was im Alten Bund vorbereitet wurde, ist seit der Menschwerdung des
Gottessohnes erfüllt und
vollendet. Wir haben heute in der Apostellesung die Zusage gehört,
keine Mächte und Gewalten,
„nichts kann uns trennen von der Liebe Gottes, die in Christus
Jesus ist, unserem Herrn.“ (Röm 8,39).
Es war ein typisches Missverständnis der sowjetischen Machthaber, die
alle Religionen – nicht nur
die christliche – ausrotten wollten („Treiben wir die Menschheit mit
eiserner Faust ihrem Glück
entgegen!“, war ihr Slogan), dass sie meinten, es gehe um den
Wettstreit von Ideen,
Weltanschauungen, Wertvorstellungen. Gewiss sind immer wieder Menschen
dafür in den Tod
gegangen. Aber im Mittelpunkt des Christentums steht nicht eine Idee,
nicht einmal ein Buch, die
Hl. Schrift, sondern eine Person, der Mensch gewordene
Gottessohn, mit dem die Christen sterben
und auferstehen werden, wie wir in jeder hl. Taufe bekennen (Röm
6,3-12). Diese Gleichgestaltung
mit Christus bedeutet die restlose Übereignung in die Verfügung
Gottes. Eben darin erweist sich die
Liebe. Aus dieser lebendigen Gemeinschaft mit dem Herrn haben die
Christen aller Zeiten die Kraft
zum Leben und Sterben auch unter widrigsten Umständen gewonnen. Es
gibt erschütternde Berichte
von Gefangenen, die im Geheimen – ohne Bücher, Gewänder, Geräte –
still die Göttliche Liturgie
vollzogen haben mit einem Stückchen Brot und einigen irgendwie
ergatterten Tropfen Wein, ja oft
nur die geistliche Kommunion mit Christus im inbrünstigen Gebet
erfahren konnten. Die
Zugehörigkeit zum einen Leib Christi in der Kirche hat sie genährt und
gestärkt.
Die Hl. Schrift endet mit der Vision des Sehers Johannes, der im Neuen
Jerusalem die Himmlische Liturgie schaut( Apk 6 und 7):
Unter dem Thronaltar stehen unermessliche Scharen von Menschen in
weißen Gewändern aus allen Nationen, Völkern und Stämmen, die das
göttliche Lamm verherrlichen. Gefragt, wer diese Menschen seien, hört
er: „Es sind die, die aus der großen Bedrängnis kommen; sie haben
ihre Gewänder weiß gewaschen und im Blut des Lammes weiß gemacht.“ (Apk
7,14) Welch ein erschreckendes Bild: Im Blut des Lammes haben sie
ihre Gewänder weiß gewaschen! Und ihre Gebete steigen als Weihrauch
auf zum Altar des Lammes (8,3f.). Das Christentum ist wahrlich
keine Wohlfühl-Religion, worauf manche es heute gern verdünnen
möchten. Es geht buchstäblich um Leben und Tod, und wir dürfen dankbar
sein, wenn der Herr uns die Zeit der Prüfung – der „Läuterung, wie
Silber im Feuer“ (Ps 65,10 ) - erspart.
Patriarch Athenagoras von Konstantinopel sprach schon 1968 erstaunlich
zuversichtliche Worte: „Die russischen Christen haben den
Totalitarismus in ihrem Land besiegt. Sie haben ihn besiegt durch
ihren Glauben, ihr Gebet, durch das Leiden ihrer Bekenner und
Märtyrer. (...) Ihr Sieg ist noch nicht sichtbar. Viele gewichtige
Dinge tauchen erst mit Verspätung an der Oberfläche der Geschichte
auf; aber in der Tiefe hat sich bereits alles verändert.“ (zit. in
Riccardi, 37). Im Grunde spricht er damit die Grundwahrheit des
Christentums schlechthin aus: Seit der Menschwerdung des Herrn, Seinem
furchtbaren Leiden und herrlichen Auferstehen, ist die Welt in der
Tiefe neu geworden, obwohl wir uns oft nach deutlicheren Zeichen dafür
auch an der Oberfläche der Geschichte sehnen.
Bis zum Zusammenbruch des Ostblocks war die Russische Auslandskirche
die einzige Zeugin für die zahllosen Märtyrer Russlands. Seither hat
das von staatlicher Unterdrückung befreite Moskauer Patriarchat
ebenfalls die neuen Märtyrer verherrlicht und damit ein wesentliches
Hindernis für die Vereinigung der beiden gewaltsam voneinander
getrennten Teile der Russischen Kirche beseitigt. Sie wollen sich
wieder vereinen über den Massengräbern der neuen Märtyrer und Bekenner
Russlands im einen Leib Christi – d.h., in einer
Göttlichen Liturgie, wie es seit Beginn der Kirche in den Katakomben
und auf den Reliquienaltären war.
Zum Fest Allerheiligen am Sonntag nach Pfingsten bekennt sich die
orthodoxe Kirche zur freudigen Verherrlichung ihrer Märtyrer:
(Tropar, 4. Ton) „Geschmückt mit dem Blut Deiner Märtyrer auf
der ganzen Welt
wie mit Byssus und Purpur,
ruft Deine Kirche durch dieses Blut
zu Dir, Christus Gott.
Auf Dein Volk sende herab Deine
Erbarmungen.
Schenke Frieden Deiner Gemeinde und
unseren Seelen große Gnade.“
Amen.
Literatur:
A.Riccardi: Salz der Erde, Licht der
Welt. Glaubenszeugnis und Christenverfolgung im 20. Jahrhundert;
Freiburg i.Br. 2002
Das Synaxarion. Das Leben der Heiligen
der Orthodoxen Kirche; Bd.1, Kreta 2004; S.658-662
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