Mittpfingsten   (P. Nikolai Wolper)

 

Christus als das lebendige Wasser der Göttlichen Weisheit (Joh 7)

 

  

Kondak (4. Ton):

 

Schöpfer und Gebieter des Alls, Christus Gott,

zur Mitte des vom Gesetz gebotenen Festes

hast Du zu den Leuten gesagt:

„Kommt und schöpft das Wasser der Unsterblichkeit!“

Darum fallen wir nieder vor Dir und rufen im Glauben:

Gewähre uns Dein Erbarmen,

denn Du bist die Quelle unseres Lebens.

 

 

Als die Hälfte der Woche des Laubhüttenfestes vorüber war (Joh 7,14), verkündete Jesus Christus die Ausgießung des Hl. Geistes als das lebendige Wasser, von dem die Hl. Schrift immer wieder spricht und das in Christus menschliche Gestalt angenommen hat. (Joh 7, 37-39) Die Kirche vergegenwärtigt diese tiefgründige Selbstoffenbarung Gottes in der Mitte der Osterzeit zwischen Pascha und Pfingsten, begleitet von den Sonntagen der Heilung des Blinden am Betesda-Teich (4. Sonntag; Joh 5,1-18) und der Begegnung des Herrn mit der Samaritanerin am Brunnen (5. Sonntag: Joh 4,1-42).

Die Festikone stellt hingegen den zwölfjährigen Jesus im Tempel beim Passah-Fest dar (Lk 2,41-50) und vereint so komplementäre Aspekte zu einer symbolischen Ganzheit: Christus ist die göttliche Weisheit und kann deshalb mit Vollmacht sprechen und zur Lebensquelle der Gläubigen werden, wie der Oster-Kanon Ihn preist (9.Ode):

“Du großes und heiligstes Pascha (Lamm), Christus, Weisheit Gottes und Kraft!“ 

 

Das Laubhüttenfest war ursprünglich das dritte, herbstliche, Erntefest (für Trauben und Oliven) gewesen, nach dem Pessachfest im Frühling und dem „Wochenfest“ (Pfingsten) fünfzig Tage darauf. Später waren alle drei Feste mit der Heilsgeschichte des Volkes Israel verbunden worden. (Ex 33; Lev 23; Dtn 16) An die Grunderfahrung der Israeliten, die Befreiung aus der Knechtschaft Ägyptens (Exodus), knüpft auch das Laubhüttenfest an, hatten die Flüchtlinge doch während ihrer Wüstenwanderung immer wieder in solchen Hütten gewohnt, und diese Erfahrung machen sich jüdische Männer noch heute zueigen, indem sie die Festwoche hindurch in provisorischen Laubhütten hausen.

Am Ende des Festes wurde um Regen für die nächste Erntezeit gebetet und dabei erinnert an das Wasserwunder bei Massa und Meriba, wo Moses den murrenden Israeliten, die an der rettenden Gegenwart Gottes zu zweifeln begannen, durch Schlagen gegen den Felsen zu Wasser verholfen hatte (Ex 17,1-7). Und Jesus Christus offenbart nun die Erfüllung dieser Sehnsucht des Volkes nach dem Leben verheißenden Wasser in der zeitlosen Gemeinschaft mit Ihm als dem Gottessohn Selbst:

„Alle (unsere Väter) aßen auch die gleiche gottgeschenkte Speise, und alle tranken den gleichen gottgeschenkten Trank, denn sie tranken aus dem lebenspendenden Felsen, der mit ihnen zog. Und dieser Fels war Christus“ (1 Kor 10,4)

Manna und Wasser werden so zu Vorabbildungen der Eucharistie: Leib und Blut Christi als himmlische Nahrung.

 

So jubelt auch der Osterkanon:

 „Kommt, lasst uns trinken den neuen Trank,

 nicht aus dem unfruchtbaren Felsen durch Wunder hervorgebrachten,

 sondern die Quelle der Unverweslichkeit, die aus dem Grabe Christi entströmt,

 auf dem wir gegründet sind.“ (3. Ode)

 

Das ist das Paradox christlichen Glaubens und Lebens: Die Totengruft ist zu der Quelle des Lebens geworden, von der die Göttliche Weisheit schon als Zwölfjähriger, aber noch verborgen, und dann in aller Deutlichkeit vor Seinem Tod spricht: “Wer aber von dem Wasser trinkt, das Ich ihm geben werde, wird niemals mehr Durst haben; vielmehr wird das Wasser, das Ich ihm gebe, in ihm zur sprudelnden Quelle werden, deren Wasser ewiges Leben schenkt.“ (zur Samaritanerin; Joh 4,14)  Der Prophet Jeremia hatte bereits Gott als diese Quelle geschaut (Jer 2,13)

 

Dass Jesus Christus der Mittelpunkt der ganzen Heilsgeschichte der Welt, die Gott auf die Liebesgemeinschaft mit Ihm hin geschaffenen hat, ist, macht die „Logik“ (oder „Pädagogik“) der Hl. Schrift deutlich:

 

 -  Der anfängliche Mythos der vier Paradies-Ströme (Pischon, Gihon, Tigris, Euphrat), die eine symbolische Welt-Geographie mit ihrem Ursprung in Eden markieren (Gen 2,10-14),

 -  wird in der prophetischen Vision  verdichtet zur Tempelquelle, die dem Volk den Segen sichert.

(Ez 47,1-12; „Auf, ihr Durstigen, kommt alle zum Wasser! Auch wer kein Geld hat, soll kommen..“; Jes 55,1)

-  In Christus inkarniert sich ein für alle Mal die gastfreundliche Weisheit, die sich „ihr Haus mit sieben Säulen erbaut“ hat  („Kommt, esst von meinem Mahl und trinkt vom Wein, den ich mischte!“ Spr 9,5; 1-6): „Wer Durst hat, der komme zu Mir, und es trinke, wer an Mich glaubt. Wie die Schrift sagt: Aus seinem Innern werden Ströme lebendigen Wassers fließen.“ (Joh 7,37)

-  Und in der endzeitlichen Vision des hl. Johannes erscheint das Neue Jerusalem ohne Tempel, „denn der Herr, ihr Gott, der Herrscher über die ganze Schöpfung, ist ihr Tempel, Er und das Lamm“. (Apk 21,22) Von deren Thron strömt „das Wasser des Lebens, klar wie Kristall aus (22,1). „Wer durstig ist, den werde ich umsonst aus der Quelle trinken lassen, aus der das Wasser des Lebens strömt.“ (21,6)

 

Bis zu Seiner Wiederkunft bleibt die Gemeinde Christi durch den Hl. Geist mit ihrem erhöhten Herrn unauflöslich verbunden und nährt sich von Seinen lebendigen Gaben in den Sakramenten der Kirche. Auf diese Vollendung der Osterzeit am Pfingstfest weist diese Festwoche von „Mittpfingsten“ mit der Verkündigung der Weisheit Gottes als das vom Gottesvolk so lange ersehnte lebendige Wasser hin.

 

 

 

Geschichte der Offenbarung: Das Wasser des Lebens

 Mythos

Erinnerung

Vision (AT)

Inkarnation

Vision (NT)

Paradies

 Felsen

 Tempel

Jesus Christus

Neues Jerusalem

  Garten

  Wüste

Haus

 Person

Thron des Lammes

Vier Flüsse

 Quelle

Quelle

Weisheit

 Lebendiges Wasser

Gen 2,10-14

   Ex 17,1-7

  Ez 47,1-12

  Joh 4,7; Spr 9,1-6

Apk 21,6; 22,1

 

P. Nikolai Wolper                                          Predigt                                                     Hamburg, 6.5.2007

 

                       5. Ostersonntag:    Das Wasser des ewigen Lebens

             Sonntag der Samariterin       Festwoche von Mittpfingsten (Joh 4,5-42; 7,14-30)

 

                 „Lasset uns trinken den neuen Trank, nicht aus unfruchtbarem Felsen

                   durch Wunderzeichen hervorgebracht, sondern aus der Quelle der

                   Unverweslichkeit, da aus dem Grabe uns Leben schenkt Christus,

                   in dem wir gegründet sind.“ (Osterkanon, 3. Ode)

 

Liebe Brüder und Schwestern,

 

der heutige fünfte Ostersonntag, der uns die Begegnung des Herrn Jesus Christus mit der Samariterin am Brunnen vergegenwärtigt, bildet den Höhepunkt der Festwoche von Mittpfingsten. Der Herr offenbart Sich uns als das lebendige Wasser, das unseren Durst nach dem Sinn unseres Lebens stillt, wie keine andere Erfahrung es vermag. In diesen Tagen zwischen den Feiern der Auferstehung Christi an Ostern und der Sendung des Hl. Geistes an Pfingsten erschließt sich uns die eigentliche Bedeutung unseres Lebens in der Kirche.

Die Wüste vermittelt den Menschen seit jeher die Erfahrung der Unermesslichkeit und Erhabenheit Gottes, aber auch der Ausgeliefertheit an die lebensfeindlichen Kräfte der Schöpfung. Nicht nur die  Asketen haben hier die Nähe des unergründlichen Gottes gespürt, sondern schon das israelitische Volk, das seine Befreiung aus der ägyptischen Knechtschaft verwirklichen musste mit der oft verzweifelten vierzigjährigen Wanderung durch die Gefahren der Wüste unter der Führung des Mose. So wurden sie auch vertraut mit Quelle und Wasser als den Ursymbolen der Menschheit.    Die Sehnsucht nach dem Jungbrunnen, der die Angst vor Alter und Tod beschwichtigt, kommt in den Mythen und Bildern vieler Völker vor bis zu den trügerischen Versprechen der Werbung und Medizinerträume unserer Gegenwart. Im Judentum sind Passah und das Laubhüttenfest, bei dem die Männer in provisorischen Unterkünften leben in der Erinnerung an die rettende Flucht aus der Sklaverei, die Vorabbildungen der endgültigen Rettungstat des Mensch gewordenen Gottessohnes, Der die wahre Quelle unseres Heils ist. „Denn es kam, suchend auf ewig Sein Bild, der Herrliche“, haben wir gestern zur Deutung des Geschehens am Brunnen gehört. (Ikos). Was in den Berichten des Alten Testaments erst Vorabbildung war und in den Zeichenhandlungen und Lehrreden Jesu im Neuen Testament geheimnisvolle Andeutung blieb, wird in der Verkündigung der Auferstehung Christi eindeutige und unwiderrufliche Wirklichkeit, die unseren Glauben und unser Leben in der Gemeinschaft mit dem Herrn Jesus Christus beflügeln, wie wir es seit der Osternacht wieder und wieder  im Kanon besingen (z.B. 3. Ode): Den am Durst in der Wüste verzweifelnden Israeliten kam der Retter der Welt durch das Wasserwunder am Felsen von Meriba zu Hilfe (Ex 17,1-7). Nun aber, mit der Auferstehung aus dem Felsengrab, wird die lebendige Begegnung mit Gott in den Mysterien der Kirche möglich, denn die Nähe Gottes erfahren wir unwiderruflich in unserer Gemeinschaft mit dem Sohn, Der uns Seine Freundlichkeit und Liebe zeigt in den ganz einfachen und unspektakulären Begegnungen mit den Menschen. Das haben die meisten Zeitgenossen Jesu, die den Messias in der weltlichen Herrlichkeit der Befreiung von der römischen Fremdherrschaft erwarteten, nicht verstanden. Davon hörten wir im Evangelium von Mittpfingsten, als Christus Sich Selbst zur Verwunderung der Priester und Schriftgelehrten als genau das lebendige Wasser verkündigte, das dem Gottesvolk verheißen war. „Am letzten Tag des Laubhüttenfestes zogen die Priester morgens zur Schiloachquelle, schöpften Wasser und brachten es in feierlicher Prozession zum Tempel, um es auf dem Brandopferaltar auszugießen. Dieser Ritus erinnnerte an den Felsen, der zur Zeit des Mose Wasser spendete, und er verwies auf die Tempelquelle, die in der messianischen Zeit beständig frisches Wasser geben werde“, wie die Propheten berichtet hatten (A.Grün; vgl. Sach 13,1; Jes 12,3; Ez 47; u.a.) Und dieser Tempel des Heils wollte Jesus Christus Selbst sein; immer wieder ist in der Hl. Schrift davon die Rede, dass der eigentliche Tempel nicht aus Steinen gebaut wird, sondern aus den Herzen der Menschen – so wie im Neuen Jerusalem kein Tempel mehr existiert, sondern die Stadt erleuchtet wird vom Lamm als der Quelle des Lebenswassers (Apk 21): „Wer Durst hat, komme zu Mir, und es trinke, wer an Mich glaubt. Wie die Schrift sagt: Aus Seinem Inneren werden Ströme von lebendigem Wasser fließen.“ (Joh 7,37f.) Diese atemberaubende Einladung Jesu erging in der Mitte des Laubhüttenfestes an die Anwesenden. Und in der Begegnung mit der Samariterin am Brunnen zeigt uns der Herr, dass das keine abstrakte Floskel ist wie auf Werbeplakaten und Flugblättern, sondern dass es Gott wirklich um jeden einzelnen Menschen in seinen ganz persönlichen Lebenserfahrungen, Sorgen und Nöten   geht.

Und damit brachte Er das Fass der Vorurteile und Ärgernisse über Seine Frohe Botschaft zum Überlaufen, denn Er meinte wirklich alle Menschen, nicht nur das auserwählte Volk. Schon im Gleichnis vom barmherzigen Samariter hatte Er ausgerechnet einen Vertreter dieses als Ketzer verachteten Volkes als Vorbild der Nächstenliebe hingestellt; nun aber lässt Er Sich ganz konkret und real mit einem solchen von allen frommen Juden gemiedenen Menschen ein – und noch dazu mit einer Frau, mit der kein rechtgläubiger Mann in der Öffentlichkeit sprach! Nach anfänglichen Missverständnissen über die Bedeutung des Wassers, von dem Christus mit ihr spricht, zeigt der Herr Sein eigentliches Anliegen, indem Er in das Herz dieser verwirrten Frau schaut: Es mag auf den ersten Blick wie Beschämung und Vorwurf aussehen, wenn Jesus sie auffordert ihren Mann zu holen und sie bekennen muss, dass ihre Liebesverhältnisse alles andere als geordnet sind. „Du hast recht gesprochen:’Ich habe keinen Mann’. Denn fünf Männer hast du gehabt, und der, den du jetzt hast, ist nicht dein Mann.“ (Joh 4,17f.) Aber der Herr Jesus Christus droht niemals mit dem erhobenen moralischen Zeigefinger. Das tun nur die selbstgerechten und lieblosen Mitmenschen, die sich um die Beweggründe der anderen nicht kümmern und nur kontrollieren, ob auch alles „richtig“ gemacht wird. Der Herr Jesus Christus sieht mit Seinem liebenden Blick „suchend auf ewig Sein Bild“ die tiefe Sehnsucht dieser Frau, die wir, wenn wir nur ehrlich zu uns selbst sind, auch als die unsrige wieder erkennen: die Sehnsucht nach bedingungsloser Liebe, mit der wir uns alle so schwer tun. Von Kindheit an wollen wir ohne Vorbehalte angenommen sein und unverstellt, frei von falschen Bildern, Erwartungen und Vorurteilen einander begegnen. Die rosarote Brille der Verliebtheit verstellt uns diesen Zugang zum anderen Menschen genau so wie die Eifersucht oder unser Besitzanspruch, der den anderen fixieren will auf unsere eigenen Bedürfnisse und Ordnungs-Vorstellungen. Die hohen Scheidungsraten in den modernen Gesellschaften sprechen hier eine deutliche Sprache. Und so ist es offenbar auch der Samariterin bei ihrer vergeblichen Suche nach dem endgültigen Lebenspartner ergangen. Der Herr Jesus Christus erkennt ihr eigentliches Problem und zeigt ihr ohne Moral und gewaltsame Überredung auf, dass sie wie alle anderen Menschen das wahre Leben, die vollkommene Erfüllung ihrer berechtigen Sehnsucht  nicht in der Bindung an innerweltliche Glücksversprechen im Bann der ungeläuterten Bedürfnisse und Erwartungen finden kann, sondern nur in der aufrichtigen Gemeinschaft mit dem Herrn des Lebens Selbst. Die Vorausssetzung für die Stillung des Lebensdurstes durch diese Quelle des unsterblichen Wassers ist die Aufrichtigkeit uns selbst gegenüber, so wie wir am letzten Sonntag von der Heilung des Gichtbrüchigen in einem anderen Wasser, dem Teich Betesda, gehört haben: Die Einladung zur Heilung erforderte die Bereitschaft, in aller Zuversicht seine Bahre in die Hand zu nehmen und sein Leben eigenverantwortlich zu gestalten. (Joh 5) Die Lebensquelle, die der Herr Jesus Christus für die Menschen sein will, ist kein Wellness-Bad zur Stress-Bewältigung und Harmonie-Seligkeit, sondern bedeutet wie jede wahre Liebe das Wagnis der bedingungslosen Hingabe an den Weg mit dem Herrn durch Leiden und Sterben hindurch. Sie strömt aus der Grabeshöhle. (3. Ode) Billiger ist die Quelle des Lebens nicht zu haben. Aber was gibt es Kostbareres als diese Gemeinschaft mit dem Menschen liebenden Gott, der Sich uns in jedem Hl. Abendmahl hingibt und darbietet um uns teilhaben zu lassen an Seinem unsterblichen Leben. Ostern feiern wir das Lamm Gottes, das sich opfert für das Heil der Welt wie die Lämmer, an deren Blut am Torpfosten der Todesengel bei der Tötung der Erstgeburt der  Ägypter vorüberging (Ex 12). Und das Heilswerk des Sohnes vollendet sich mit der verheißenen Ausgießung des Hl. Geistes am Pfingstfest (Joh 16). Seither sind wir berufen, die rettende Gemeinschaft mit  dem Auferstandenen in der Teilhabe am Leben Seiner hl. Kirche zu erfahren, wie wir an Mittpfingsten hören:

„Meine durch Sünden und Fehler ausgedörrte Seele netze mit den Strömen Deines Blutes und lass    Früchte der Tugenden sie tragen. Denn du sagtest zu allen, sie sollten zu Dir kommen und Wasser der Unvergänglichkeit schöpfen, lebendiges Wasser, das die, die Deine herrliche, göttliche Auferstehung in Hymnen besingen, reinigt von Sünden, Gottes allheiliges Wort. Du, Guter, reichtest dar die Kraft des Geistes, die aus der Höhe herabstieg auf Deine Jünger, die als Gott Dich erkannten. Denn Du bist die Quelle unseres Lebens.“ (Ikos)

                                                                                                                           Amen.