Hochfest der Begegnung des Herrn (2./15.2.)

 

Auch dieses Fest zeigt, dass es im Kirchenjahr nicht um den Nachvollzug des Lebens Jesu geht, denn während der seit Weihnachten vergangenen vierzig Tage haben wir bereits die Taufe des Herrn, die Er im 30. Lebensjahr empfing, vergegenwärtigt (6./19.1.). Die Begegnung des Gottessohnes mit Simeon im Tempel markiert den Übergang vom Alten zum Neuen Bund. Die Eltern Jesu erfüllen die nach dem jüdischen Gesetz vorgeschriebenen Pflichten am 40. Lebenstag des Kindes, aber der fromme Simeon erkennt in Ihm den so lange erwarteten Messias und beglaubigt diese Erfüllung und den Beginn einer neuen Ära der Heilsgeschichte durch seinen Lobgesang, mit dem er sich aus dieser Welt verabschiedet. (Lk 2, 29-32) Weil er in diesem unscheinbaren Kind das „Licht zu erleuchten die Heiden“ erkennt, weiht die Kirche an diesem  Festtag die Kerzen. (Die westliche Kirche nennt wegen ihrer damit verbundenen Prozession das Fest auch „Mariä Lichtmess“.)

 

Tropar (1. Ton):

 

„Freue dich, gnadenerfüllte,

jungfräuliche Gottesgebärerin!

Denn aus dir ist aufgestrahlt

Die Sonne der Gerechtigkeit,

Christus, unser Gott.

Er erleuchtet, die da wandeln in Finsternis.

Frohlocke auch du, gerechter Greis,

der du auf den Armen trägst

den Befreier unserer Seelen,

Der uns auch schenkt die Auferstehung.“

 

 

Kondak (1. Ton):

 

„Durch Deine Geburt hast Du

den jungfräulichen Schoß geheiligt,

und wie sich’s geziemt,

hast Du die Hände des Simeon gesegnet,

Christus, unser Gott.

Du hast auch uns jetzt errettet.

Gib uns Frieden,

dämme ein den Krieg der Völker,

stärke uns, Der Du uns liebst,

einzig Menschenliebender!“

 

(Üb. S.Heitz)

 

 

P. Nikolai Wolper                             Predigt                                  Lübeck 19.2.2006

 

                         Sonntag des verlorenen Sohnes / Festwoche der „Begegnung des Herrn“

 

                                     „Du hast die Hände des Simeon gesegnet.“

 

Liebe Brüder und Schwestern,

 

der Kondak dieses Festes zum Abschluss des Weihnachtsfestkreises stellt diese ganze vierzigtägige Gnaden-Zeit noch einmal unter das große Motto der Heiligung der Schöpfung durch die Menschwerdung des Gottessohnes:

„Durch Deine Geburt hast Du den jungfräulichen Schoß geheiligt.“

„Er kam, das Weltall zu weihen“, haben wir Weihnachten gehört.

„Christus ist im Jordan  erschienen, um die Wasser zu heiligen.“ , hieß es am Fest der Theophanien. Und nun singen wir: „Du hast die Hände des Simeon gesegnet.“

Es war der Kind gewordene ewige Gott.

Eigentlich müsste alles, was der unnahbare, schrecklich-erhabene , über alles heilige Gott berührt, verzehrt werden im Feuer Seiner Herrlichkeit. Aber schon als der Herr dem Moses  im brennenden und doch nicht verbrennenden Dornbusch begegnete (Ex 3,2 ),  kündigte Er Seine rettende und die Welt durchleuchtende Vereinigung mit der gefallenen und doch so geliebten Schöpfung an. Was Gott mit Seinen liebenden Augen anschaut und mit Seiner segnenden Hand berührt, wird verwandelt – das hat der Herr Jesus Christus bestätigt  in den vielen Heilungswundern, die Er vollbracht hat.

Dies verkündet auch die Festikone, die den Herrn nicht als vierzig Tage alten Säugling darstellt, wie es doch dem Evangelienbericht und dem jüdischen Gesetz, an das Jesu Eltern sich hielten, entspricht, sondern als „Emmanuel“, den Kind-Erwachsenen, der den Simeon bei Seiner Übergabe segnet.

 

„Er kam in Sein Eigentum“ (Joh 1,11) – das ist zunächst das Volk Israel (Ex 19,5) – und zum Zeichen dafür war „alle Erstgeburt“ geheiligt, d.h. in der Obhut und Verfügung Gottes, und musste Ihm übergeben werden. Anstatt des Menschenopfers wurde der erste Sohn aber ausgelöst durch Tiere, bei armen Leuten durch zwei Tauben. (Ex 13,1-16). Dies alles geschah zur Erinnerung an die Rettung des Volkes Israel aus der Knechtschaft der Ägypter. Der Tempel, in dem Jesus dargebracht wurde, ist Sein Eigentum, über  dessen Herabwürdigung er später in Zorn geriet: „Macht das Haus Meines Vaters nicht zu einer Markthalle!“, ereiferte Er Sich (Joh 2,16). Matthäus zitiert gar die „Räuberhöhle“, die schon der Prophet Jeremia im Tempel gerügt hatte. (Mt 21,13; Jer 7,11)

 

Die Kirche erzählt uns nicht einfach eine Lebensgeschichte, sondern eröffnet uns den Blick für die Bedeutung des ganzen Geschehens, und das ist die bleibende Gegenwart des Heils, das mit Seiner Menschwerdung begonnen hat. „Du hast auch uns jetzt errettet“, preist deshalb der Fest-Kondak . Aber schon die anschließende flehentliche Bitte um Frieden und Stärkung durch die Liebe Gottes wendet den Blick zurück zur leidvollen Erfahrung unseres Lebens in der Welt des Alltags.

Ist die Frohe Botschaft der Segnung der Schöpfung durch die Menschwerdung Gottes nicht ein zu harmloser Idealismus, der im schreienden Widerspruch steht zu dem furchtbaren Schrecken der Geschichte von Gewalt und Zerstörung und unermesslichem Leid mit dem Tiefpunkt im 20. Jhdt. , gezeichnet von zwei Weltkriegen, mehreren Völkermorden und Millionen von Märtyrern in der ganzen Welt, besonders aber in Russland?  Und dazu die fürchterlichen Naturkatastrophen, die die Menschheit, ja die ganze Erde immer wieder heimsuchen! Sieht so die neue Welt, das vom Herrn verkündigte Reich Gottes, aus? Unter dieser Zumutung des Glaubens haben die Menschen – auch fromme Christen – von Beginn an gelitten; der Zweifel begleitet die Heilsgeschichte und wird durch das ungläubige Zögern des hl. Apostels Thomas als zutiefst menschliche Haltung gerechtfertigt.

 

 

 

Doch vergessen wir nicht, dass die Erlösung der Welt durch Leiden und Tod hindurch geschieht.

Simeon sagt die prophetischen Worte, die der Gottesmutter gewiss ein Rätsel waren, bis sie das Schicksal ihres Sohnes miterleben musste: “Er wird ein Zeichen sein, dem widersprochen wird. (...) Dir selbst aber wird ein Schwert durch die Seele dringen.“ (Lk 2,34f.) Dieses Fest der Begegnung des Herrn mit Simeon und der Prophetin Hanna schließt nicht nur den Festkreis der Weihnachtsfeier ab, sondern leitet auch über zum Mittelpunkt des Kirchenjahres, dem Kreis um das heilige Osterfest, das Passah des Herrn. Deshalb haben wir am Vorabend des Feiertages nicht nur die Einsetzung des Passahfestes durch die Vernichtung der Erstgeburten der Ägypter und die Rettung der Erstgeburten des Gottesvolkes gelesen (Ex 13,1-16), sondern auch die Berufung des Propheten Jesaja und seine Prophezeiung neuer ägyptischer Plagen (Jes 6,1-12; 19,1-21) Die Hl. Schrift hat nie verschwiegen, dass dem verheißenen Heil das schreckliche Unheil vorausgeht. Das ist der Preis für die sündige Abkehr der Menschen von Gott, weil sie eigenmächtig die Welt verwalten wollen und doch erkennen müssen, wie sehr sie der rettenden Hilfe bedürfen.

Die Ikone bildet nicht fotografisch ein historisches Geschehen ab, sondern zeigt den wahren Realismus des Reiches Gottes in sinnlicher Gestalt – verborgen und doch durchscheinend.

 

Die Freude darüber, dass die Verheißungen Gottes an das Volk Israel in Seiner Menschwerdung erfüllt sind, wird verdichtet im Lobgesang des Simeon, der Jesus als den so lange erwarteten Messias, das „Licht der Welt“ (Joh 8,12), mit Zitaten aus dem Buch Jesaja preist:

                    

„Nun entlässest Du, Herr, Deinen Diener in Frieden nach Deinem Wort.

Denn  meine Augen haben geschaut Dein Heil, das Du bereitest hast

vor dem Angesicht aller Völker; das Licht zur Offenbarung den Heiden

und die Verherrlichung Deines Volkes Israel.“ (Lk 2,29-32)

 

In jeder Vesper – der Erinnerung der Heilsgeschichte des Alten Bundes – wird die Entlassung  mit diesem Lobgesang eingeleitet. (Der Morgengottesdienst ist dann geprägt vom Neuen Testament.) Auch die Dankgebete nach dem Empfang der hl. Kommunion enthalten diesen Text: Uns ist der Herr leibhaftig begegnet, wenn auch noch nicht in Seiner Glorie – wie dem hl. Simeon in Gestalt eines Kindes, so uns in den Gestalten von Brot und Wein. Erfüllt vom Frieden des Messias dürfen, ja sollen wir dann aufbrechen in die Welt – wie Simeon ins Grab: „Ich gehe um Adam, der in der Unterwelt eingeschlossen ist, zu erfreuen und Eva die frohe Botschaft zu bringen.“ (7. Ode)                            

 

Mit dem Ende des steinernen Tempels sollen wir nicht mehr Sühneopfer darbringen, sondern, nun selbst „Sein Eigentum (geworden) zum Lob Seiner Herrlichkeit“ (Eph 1,14), mit den Worten jeder Kleinen Ektenie „uns selbst und unser ganzes Leben Christus, unserem Gott, überliefern“.  Nicht nur die Hände des hl. Simeon hat der Herr gesegnet, sondern auch die unsrigen!  

Amen.