1. Einführung Die Selbstbeschränkungen („Askese“), die wir uns in diesen vierzig Tagen auferlegen, sollen uns nicht quälen und als lästige Pflicht erscheinen, sondern zurüsten und sensibilisieren für den Empfang der Oster- und Pfingst-Gnade als Ziel und Sinn unseres Lebens. Sie sind damit ein tätiges und geistiges Bekenntnis zu den Prioritäten unseres Alltags. Wir beginnen diese Fastenzeit mit der Versöhnungs-Vesper, an deren Ende wir uns in tiefer Verbeugung voreinander die Verfehlungen vergeben, während der Chor leise und verhalten die Oster-Stichiren singt – ein immer wieder ergreifendes Erlebnis, das unsere Anstrengungen und guten Vorsätze beflügeln soll.
Die Werktage stehen ganz im Zeichen des Alten Testamentes, aus dem wir täglich lesen sollten nach den Hinweisen im liturgischen Kalender, besonders aber die Psalmen und die anderen Gebete, unter denen der Große Bußkanon des hl. Andreas von Kreta an den ersten vier Tagen und dann noch einmal am Donnerstag der fünften Woche ein besonderes Gewicht hat. Im Durchgang durch die Hl. Schrift werden uns die dort berichteten menschlichen Verfehlungen allegorisch als Bilder unserer eigenen Seele vor Augen gestellt. Auf die Eucharistie („Göttliche Liturgie“) als Freudenfeier der Auferstehung verzichtet die Kirche an den Wochentagen zum Zeichen der Demut. Aber am Mittwoch und Freitag erhalten wir in der „Liturgie der Vorgeweihten Gaben“ die Möglichkeit zur hl. Kommunion mit dem Leib Christi, der auf dem Altar von der Sonntags-Liturgie her aufbewahrt wird. Eigentlich ist sie eine Vesper, weshalb es keine Lesungen aus dem Neuen Testament gibt. Wir leben nun im Stand der Erwartung und Vorbereitung. Beim Großen Einzug wird nicht Brot auf den Altar übertragen, sondern der Leib Christi Selbst, was unsere größte Ehrfurcht erfordert.
Das auch körperlich, mit großen Metanien (Niederwerfungen) vollzogene Gebet des hl. Ephräm des Syrers soll uns an den Werktagen ein ständiger Begleiter sein:
„Herr und Gebieter meines Lebens, den Geist des Müßiggangs, des Kleinmuts, der Herrschsucht und unnützer Worte nimm von mir. Gib hingegen mir, deinem Diener, den Geist der Demut, der Geduld und der Liebe. Ja, mein Herr und König, lass mich sehen meine Fehler und nicht richten meinen Bruder, denn Du bist gepriesen von Ewigkeit zu Ewigkeit!“
An den Sonntagen wird nicht nur besonders der hl. Asketen gedacht (hl. Gregor Palamas, hl. Johannes Klimakos, hl. Maria von Ägypten), sondern die Höhepunkte der Großen Fastenzeit bilden am 1. Sonntag das Fest der Orthodoxie, das der Freude über die endgültige Bestätigung der Verehrung der hl. Ikonen als Bekenntnis zur Menschwerdung des Erlösers (843) gewidmet ist („Das Wort ward Fleisch und hat unter uns gewohnt, und wir haben Seine Herrlichkeit gesehen.“ Joh 1,14, Evangelium in der Osternacht), die feierliche Verehrung des Hl. Kreuzes am 3. Sonntag und der Lobpreis der hl. Gottesmutter („Akafist“) am 5. Samstag. (s.u.: 4. Übersicht)
2. Zur Predigt
P. Nikolai Wolper Predigt Hamburg,5.3.2006
Sonntag der Vertreibung aus dem Paradies: „Seht, die Zeit der Gnade ist da!“
Beginn der Großen Fastenzeit
Liebe Brüder und Schwestern,
der Beginn der Großen Fastenzeit am heutigen Abend mag in uns vielleicht den Geist der Verzagtheit, des Schreckens, zumindest aber des Unbehagens erwecken, wenn wir an die Verzichtleistungen denken, die uns nun bevorstehen und die wir vielleicht als Einschränkung unseres freien Willens und der Lebensfreude empfinden. Aber die vergangene „Butterwoche“ stand ganz im Zeichen der Vorfreude, besungen wurde „die frohe Vorfeier der Enthaltung, der leuchtende Eingang der Fasten“. (Montag, Utrenja) „Seht, die Zeit der Gnade ist da!“, werden wir nachher im Abendgottesdienst hören.
Dieser vermeintliche Widerspruch löst sich, wenn wir fragen nach dem Sinn dieser vierzig Tage vor Ostern und die Antwort suchen in der Einübung der Freiheit und des Dankes für die Errettung, die Gott uns geschenkt hat. Auch die uns so vertrauten „Zehn Gebote“ beginnen mit dieser Begründung: „Ich bin der Herr, dein Gott, der dich aus Ägypten geführt hat, aus dem Sklavenhaus.“ (Ex 20,2; Dtn 5,6) Wenn wir uns aufmerksam der Führung und den Hinweisen unserer Kirche anvertrauen, werden wir nicht nur diese besondere Zeit, sondern unser ganzes Leben mit anderen, befreiten, freudigen Augen sehen lernen.
Der heutige Sonntag steht im Zeichen der Vertreibung aus dem Paradies, mit dem die dramatische Geschichte der Schöpfung mit Gott beginnt. An jedem Werktag werden wir aus dem ersten Buch der Hl. Schrift, der Genesis, lesen, beginnend mit dem Schöpfungswerk, von dem es heißt: „Alles war sehr gut.“ (Gen 1,31) Den Menschen hatte Er geschaffen als Sein Ebenbild, das die Schöpfung treuhänderisch verwalten sollte. „Hiermit übergebe Ich euch alle Pflanzen auf der ganzen Erde, die Samen tragen, und alle Bäume mit Samen tragenden Früchten Euch sollen sie zur Nahrung dienen. Allen Tieren des Feldes, allen Vögeln des Himmels und allem, was sich auf der Erde regt, was Lebensatem in sich hat, gebe Ich alle grünen Pflanzen zur Nahrung.“ (Gen 1,29f.)
Aber die Menschen erlagen der Versuchung, selbst zu sein wie Gott, und dieses Streben wurde ihnen und wird uns allen bis zum heutigen Tag zum Verhängnis. Für diese Absonderung von Gott und Seinem Heilswillen haben wir im Deutschen den Begriff der „ Sünde“. Sie ist das Thema der zweiten Fastenwoche. Nach der Vertreibung aus dem Paradies, der Aufkündigung der friedvollen Gemeinschaft mit Gott und Seiner Schöpfung durch Fluch, Mühsal und Zwietracht (Gen 3,17-24), begann die Geschichte von Mord und Totschlag seit Kain und Abel, bis schließlich Gott Seine Schöpfung gereute (Gen 3,21-6,8). In der dritten Woche lesen wir von der Katastrophe der Sintflut, mit der Gott nur Noah und die von ihm in der Arche geborgenen Tiere verschonte. (Gen 6,9-8,21).
Welchem Leser der Hl .Schrift ist schon einmal aufgefallen, dass nach der Sintflut die Welt eine andere geworden ist und Gott ihr eine neue, von Trauer und Todesschatten gezeichnete Ordnung auferlegt hat? „Furcht und Schrecken vor euch soll sich auf alle Tiere der Erde legen, auf alle Vögel des Himmels, auf alles, was sich auf der Erde regt, und auf alle Fische des Meeres; euch sind sie übergeben. Alles Lebendige, das sich regt, soll euch zur Nahrung dienen. Alles übergebe ich euch wie die grünen Pflanzen.“ (Gen 9,2f.) Haben wir diese Worte nicht schon einmal gehört im Garten Eden? Nein, denn nun geht ein tiefer Riss durch die Schöpfung. Sollte uns nicht schaudern vor dem Gedanken, dass alle Tiere, also alle fühlenden Wesen, in Furcht und Schrecken vor uns leben müssen? Wie sehr haben wir uns an diesen Zustand schon gewöhnt, dass wir diesen Skandal gar nicht mehr bemerken! So war der Herrschaftsauftrag an uns Menschen nicht gemeint gewesen. (Gen 1,28) Die Folgen der Sünde betreffen nicht nur unser Verhältnis zu Gott und den Mitmenschen, sondern zur ganzen Schöpfung. Und bis zum Ende der Tage wird es in ihr keinen Frieden geben. Ist das nicht furchtbar?
Aber Gott wollte nie die Vernichtung Seiner geliebten Schöpfung, und seit Er für uns Mensch geworden ist und unter und für uns gelitten hat, glauben wir das noch gewisser als zur Zeit der Vorfahren, des ersten Gottesvolkes, obwohl Gott Seinen Heilswillen zweimal mit einem Bund besiegelt hat – unter dem Zeichen des Regenbogens gegenüber Noah (Gen 9,9-17) und mit der Segensverheißung an Abraham und seine Nachkommen auf ewig (Gen 12). Das ist das Thema der vierten Fastenwoche.
Die Geschichte der gefallenen Welt wurde stets begleitet von den Verheißungen der neuen Schöpfung, des Reiches Gottes, durch das Zeugnis der Propheten, allen voran Jesajas, dessen Buch wir parallel zur Genesis in der Fastenzeit lesen. Seine Klage und Anklage über das Unheil der Welt und die Untreue des Gottesvolkes mündet ein in die Verheißung des Messias, der den paradiesischen Frieden wieder zurückbringt: „Der Löwe frisst Stroh wie das Rind. Der Säugling spielt vor dem Schlupfloch der Natter, (..) Man tut nichts Böses mehr (...), denn das Land ist erfüllt von der Erkenntnis des Herrn.“ (Jes 11,7-9) Erinnern wir uns noch an diese Worte vom Vorabend des Weihnachtsfestes als Feier der Erfüllung dieser Friedenssehnsucht der Menschheit? Die Vollendung erwarten wir bei Seiner Wiederkunft.
Wenn wir nun in der heiligen Zeit der Großen Fasten (wie auch an den anderen Fastentagen) uns der Nahrung von Tieren und ihren Produkten enthalten, so sollten wir das nicht zähneknirschend als Einhaltung kirchlicher Vorschriften tun, sondern im Bewusstsein, dass wir damit in bescheidener, beschränkter und doch ausdrucksvoller Weise einen Schimmer der neuen Schöpfung im Reich Gottes vorwegnehmen. Und diese Bedeutung haben alle unsere Versuche, unser Leben neu zu ordnen, unseren ganzen Lebensstil zu betrachten im Spiegel der göttlichen Weisungen, unserer Würde als Abbilder Gottes. Wie füllen wir die uns geschenkte Zeit? Welche Gedanken, Worte und Taten prägen unseren Alltag? Wie gestalten wir unsere Freizeit, wie gehen wir mit unserem Computer um, was lesen, hören und sehen wir uns an? Was bringt uns näher zu Gott, was entfernt uns von Seiner lebendigen Gegenwart? Gebet und Lesung der Hl. Schrift und natürlich die Gemeinschaft der Kirche im Gottesdienst sind Hilfsmittel, die unser Leben neu ordnen und orientieren helfen.
Dabei kommt es nicht auf die kleinliche, verbissene Einhaltung aller kirchlichen Vorschriften an. Der hl. Apostel Paulus hat uns heute noch einmal zur rechten Gesinnung beim Fasten ermahnt: Streitet euch nicht über das Fasten, begegnet einander in Liebe und Geduld, rief er uns zu (Röm 13,11-14,4). Und der Herr Selbst gebot uns: „Wenn ihr fastet, macht kein finsteres Gesicht wie die Heuchler. (...), damit die Leute nicht merken, dass ihr fastet.“ (Lk 6,14-21). Auf die rechte Gesinnung kommt es an! Nicht ein Tropfen Öl in der Suppe, etwas Ei in den Nudeln, eine Spur Magermilchpulver im Kaffeeweißer – oder sogar eine fastenwidrige Speise im Kreis gut meinender Menschen, die uns einladen oder beschenken, sind das Problem. Um Gottes willen kontrollieren wir uns nicht gegenseitig oder verachten heimlich die weniger Strengen! Die Fastenregeln sind nicht Selbstzweck, sondern Hilfsmittel zu unserer Umkehr und neuen Hinwendung zu Gott, zur Besinnung und Konzentration auf das Wesentliche und zur Befreiung vom weniger Wesentlichen.. Sie sollen uns nicht bedrücken, sondern frei machen für die Begegnung mit dem Arzt unserer Seelen und Leiber. Nicht der gebannte Blick auf die Gebote und Verbote sollte unsere Vorbereitung auf das heilige Osterfest bestimmen, sondern die besonnene, immer unvollkommene, aber stets aufrichtige Einübung und Vorwegnahme des Friedensreiches der Liebe, der Langmut und der Geduld, zu denen uns der Herr in den Seligpreisungen immer wieder ermahnt. Deshalb singen wir sie in jeder Göttlichen Liturgie.
Wie die ebenfalls an diesen Fastentagen gelesenen Weisheitsregeln des biblischen „Buches der Sprüche“ sollte uns das Gebet des hl. Ephrem tägliche Übung und Richtschnur sein – nicht nur in dieser Fastenzeit des Heils, die nun beginnt:
„Herr und Gebieter meines Lebens! Den Geist der Trägheit, des Kleinmuts, der Herrschsucht und unnützer Worte nimm von mir. Gib hingegen mir, Deinem Diener, den Geist der Weisheit, der Demut, der Geduld und der Liebe. Ja, mein Herr und mein König, lass mich sehen meine Fehler und nicht richten meinen Bruder (meine Schwester), denn Du bist gepriesen von Ewigkeit zu Ewigkeit!“
„Seht, die Zeit der Gnade ist da!“ Amen.
3. Schema:
4. Übersicht:
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