Hochfest der Kreuzerhöhung (14./27. Sept.)

 

Das Fest geht zurück auf die Weihe der Auferstehungs-(Grabes-)Kirche in Jerusalem (335), bei deren Bau die Kaiserin-Mutter Helena das Kreuz des Herrn aufgefunden haben soll. Der Sinn-Gehalt des Festes ist – stärker als am Karfreitag – die Freude über die Heilsbedeutung der Kreuzigung Jesu.

 

Kondak (4. Ton):

 

„Der Du freiwillig auf das Kreuz Dich erhoben,

 Christus Gott,

 schenke Dein Erbarmen Deiner neuen,

 nach Dir genannten Gemeinde.

 Stärke alle, die für sie Verantwortung tragen,

 mit Deiner Kraft.

 Gewähre Sieg über das Böse,

 Frieden in Deiner Gemeinschaft

 durch die Waffe des Kreuzes,

 des unüberwindlichen Siegeszeichens.“

 

 (Üb.: Sergius Heitz)

 

 

Gesang zur feierlichen Kreuzverehrung:

 

„Vor Deinem Kreuz  fallen wir nieder, Herr, und Deine heilige Auferstehung  verherrlichen wir.“

   (3x mit Großer Metanie)

 

 

                                                      Predigt:

  

P. Nikolai Wolper                                                                       Hamburg, 2.10.2005

 

               15. Sonntag nach Pfingsten: „Seht (welch) ein Mensch!“ (Joh 19,5)

 

                                                 Sonntag nach Kreuzerhöhung

 

Liebe Brüder und Schwestern,

 

„Sie werden auf den blicken, den sie durchbohrt haben.“   Diese Weissagung des Propheten Sacharja, die ursprünglich die Errettung Jerusalems von der Belagerung meinte, wird vom Evangelisten Johannes auf den Herrn bezogen (Sach 12,10; Joh 19,37).

Was sehen wir, wenn wir auf das Bild des Gekreuzigten blicken?

Wir sind so sehr daran gewöhnt, dass es uns kaum noch aufregt oder gar provoziert in seiner Befremdlichkeit. Sensible Menschen haben es immer als eine Zumutung empfunden, und auch wir sollten es uns nicht zu leicht damit machen.

 

Pilatus konnte nach dem Verhör sich nur die Hände in Unschuld waschen und hilflos stammeln:

„Seht (welch) ein Mensch!“  (Joh 19,5) Was hatte er gesehen? Einen Wanderprediger, dem aus der Sicht der römischen Gesetze nichts Strafbares nachzuweisen war und der ein Opfer der Streitigkeiten religiöser Gruppen zu sein schien. Ahnte Pilatus etwas vom Geheimnis Jesu?

 

Was sahen die meisten  Menschen zur Zeit der Antike, denen  es ein Ärgernis (wie den Juden, die es als Beleidigung Gottes sahen) oder einfach eine Torheit war wie den Heiden, die einen so schmachvollen Tod mit ihren Göttervorstellungen nicht in Einklang bringen konnten? (1 Kor 1,22)

Sie sahen das, was in den vielen Jesus-Filmen bis hin zu Mel Gibsons „Die Passion Christi“ zu sehen ist – etwas anderes  ist auch gar nicht fotographisch darstell- und mit den körperlichen Augen wahrnehmbar: Folterqualen, Blutvergießen, grausames Ersticken nach langem Todeskampf inmitten

einer johlenden Menge, die sich wie auch später in der Geschichte an solchen schaurigen „Schauspielen“  ergötzt. Aus rein historischer Sicht erscheint nur das Scheitern eines Idealisten, vielleicht eines  Sozialrevolutionärs, der vergeblich das Reich Gottes gepredigt hat .Auch die Jünger konnten dieses Ende ihres Herrn nicht ertragen und flüchteten entsetzt; nur die Mutter Jesu und Johannes blieben Ihm unter dem Kreuz treu. Ein Graffiti vom Palatin in Rom karikiert noch im 3. Jh. dieses Bild der Christen als Huldigung vor einem Gekreuzigten mit einem Eselskopf. Wegen dieser Abscheu und dieses Unverständnisses haben die Christen es in den ersten drei Jahrhunderten vermieden, die Kreuzigung bildlich darzustellen. Sie benutzten nur das leere Kreuzzeichen oder andere Symbole wie den Fisch oder das  PX –Zeichen für die Anfangsbuchstaben des Erlöser-Namens.

 

Erst seit der Zeit Konstantins im 4.Jh. entstanden die uns heute so vertrauten Kruzifixe – nicht um die Gefühle von Trauer oder Mitleid anzuregen oder Trost im eigenen Leiden zu empfangen, wie es im westlichen Mittelalter in den Vordergrund trat (wie erschütternd berührt uns immer noch der Isenheimer Altar von Mathias  Grünewald?!) und auch heute oft als angemessenes Zeichen der Solidarität Gottes mit den leidenden Menschen vorgestellt wird; sondern paradoxerweise gerade als Zeichen der Machtfülle, des Sieges Christi über Sünde und weltliche Feindschaft.

 

„Rette, Herr, Dein Volk und segne Dein Erbe! Verleihe Deinen Gläubigen Sieg über ihre Widersacher! Und behüte mit Deinem Kreuz Deine Gemeinde!“ 

(Tropar nach Ps 27,9)

Erhebet den Herr, unseren Gott! Werft euch nieder vor dem Schemel Seiner Füße, denn heilig ist Er! Der Herr ist König; es erbeben die Völker!“

(Prokimen; Ps 98,5 und 1)

 

Sahen“ die Menschen  vielleicht nun einfach den politischen Erfolg des zur Staatsreligion erklärten Christentums, das die heidnischen Kulte endgültig besiegt hatte und nun seinerseits immer brutaler den alten Glauben bekämpfte? Der Triumphalismus, mit dem seither Kirche und Kaiser in der Welt auftraten, könnte eine solche Deutung bestärken, wenn nicht die Theologen – es war die Zeit der großen Kirchenväter - immer wieder diese für den menschlichen Geist so anstößige Paradoxie reflektiert und beschworen hätten: Gerade in der Schwäche  zeige sich die Stärke, in der Niederlage der Sieg, in der Demütigung der Ruhm, im Tod das Leben – so offenbare sich das Kreuz als Verherrlichung der Weisheit Gottes, an der die antiken Menschen gezweifelt hatten (1 Kor 1 u. 2),

so wie sich wahres Königtum darin erweise, dass der König für seine Untertanen stirbt (Joh. Chrys.).

Uns  Glaubende habe der Kreuzestod Christi mit der Weisheit und Kraft Gottes bekleidet . Damit konnte Johannes von Damaskus schlecht die zeitweilige Herrschaft des Christentums in Europa meinen, denn diese steht, wie jede menschliche Einrichtung, auf tönernen Füßen und wäre ein schwacher Trost für den sündigen Menschen, der sich nach Erlösung sehnt.

 

Für unsere „Erkenntnis“ beim Blick auf den Gekreuzigten ist die heilige Kirche unsere Lehrerin auch im Schauen, im wachen Mitvollzug des Gottesdienstes, in der Hinführung zu den Mysterien, der liebenden Vereinigung mit Christus Selbst. Aber was „sehen“ wir beim hl. Abendmahl? (Moderne Christen sehen da gern das Gemeinschaftserlebnis der „Versammlung um den Tisch des Herrn“.)

Wo unser Verstand versagt, machen uns Bilder die Oberfläche der Erscheinungen durchsichtig für die unbegreifliche Weisheit Gottes:

Die großen Kirchenväter des 4. Jhdts., haben nicht nur das Glaubensbekenntnis zur Hl. Dreieinigkeit verbindlich formuliert und der Liturgie die gültige Gestalt gegeben, sondern  unser ganzes kirchliches Leben im Licht der Sakramente gesehen. Dazu mussten sie den weiten heilsgeschichtlichen Rahmen von der Schöpfung der Welt durch die Geschichte des Gottesvolks hindurch bis zum Endgericht entfalten. Das ist das Grundmuster  für unsere „Sicht“ auf die Welt.

 

Am Ende unserer Gebete zur Vorbereitung auf die hl. Kommunion sprechen wir die erstaunlichen Worte: „Erblickst du das göttlich machende Blut, dann erschaudere, o Mensch! Denn Feuer ist es, das die Unwürdigen verbrennt.

                              Gottes Leib nährt und vergöttlicht mich.“

Der hl. Augustinus sah anlässlich seiner Auslegung von Ps 126,2 im  Kreuzestod Christi  erfüllt, was am Beginn der Menschheit vorab versinnbildlicht wurde:  Während Adam schlief, wurde ihm eine Rippe aus der Brust genommen um daraus Eva als seine Braut zur fruchtbaren Gemeinschaft zu schaffen. Und so sei aus Blut und Wasser, die während des Todesschlafs der verletzten Seite des Herrn entquollen, die Kirche als Braut Christi gebildet worden. Welch ein kühner Vergleich des grausamen Kreuzestodes mit dem Schlaf Adams im Paradies  - zu schauen nur mit den  Augen von Gottes Weisheit, die höher ist als alle menschliche Vernunft! Hier gilt es wirklich geistig zu sehen, nicht nur interessante  Gedankenspiele nachzuvollziehen. Das Motiv der Engel oder der Frau (Ekklesia), die mit einem Kelch Blut und Wasser auffangen, ist häufig Teil der Kreuzigungs-Darstellung, im Westen mehr noch als im Osten.  „Hier nahmen die heiligen Mysterien ihren Ursprung, so dass du, wenn du zu dem schauererregenden Kelch hinzutrittst, so hinzutretest, als wenn du aus der Seite Christi selber trinkst.“ (Joh. Chrys.)

Im Bild ist das Abgebildete gegenwärtig. Deshalb genügt das reine Kreuzzeichen als bloßer Hinweis auf das Gemeinte nicht. Das Heil strömt aus dem Leib des Sich selbst opfernden Herrn

 Bei der  Verehrung des hl. Kreuzes singen wir: „Heute wird der dem Wesen nach Unnahbare mir nahbar und erduldet Leiden, indem er mich befreit von den Leiden.“ „Ehre sei, Christus, König, Deinem schaurig-erhabenen Ratschluß über uns , durch den Du alle erlöst als der Gute und Menschenliebende.“ (Vesper-Stichire) Der Heiligkeit Gottes ist in ihrer überwältigenden Größe etwas Erschreckend-Geheimnisvolles eigen, wie schon die Verklärungs-Szene gezeigt hat (Mt 17/Lk 9)

 

Was wir in dieser Festwoche zur Erinnerung an die wundersame Wiederauffindung der Kreuz-Reliquie durch die Kaiserinmutter Helena feiern, ist die „Erhöhung des Kreuzes“ als Lebensbaum in der  Mitte des Paradieses – den Glaubenden, durch die hl. Taufe  Wiedergeborenen und sich vom Leib und Blut  Christi Nährenden zum Heil, „der Welt“ aber zum Gericht, wie der Herr in Seiner Todesankündigung zu den Jüngern sagt:

„Jetzt wird  Gericht gehalten über diese Welt; jetzt wird der Herrscher dieser Welt hinausgeworfen werden. Und Ich, wenn Ich über die Erde erhöht bin, werde alle zu mir ziehen.“ (Joh 12, 31f.)

Hier erfährt die gefallene Menschheit „die kreuzigende Liebe des Vaters, die gekreuzigte Liebe des Sohnes, durch des Kreuzes Holz siegreiche Liebe des Hl. Geistes.“ (Philaret v.Moskau)

Wenn wir über dem Kreuz Sonne und Mond und schwebende Engel abbilden, so erweitern wir das Drama von Golgatha in die kosmische Dimension: Die ganze materielle und geistige Schöpfung nimmt Anteil am Leiden des Gottessohnes; der Evangelist Matthäus berichtet von Sonnenfinsternis, Erdbeben und geöffneten Gräbern. Nicht mehr Planetengötter und heilige Naturkräfte regieren den Kosmos, wie die antiken Mysterienkulte glaubten, sondern der eine überweltliche Pantokrator in Seinem unbegreiflichen „schaurig-erhabenen“ Ratschluss. „Er thront auf den Cherubim; es wankt die Erde.“ (Prokimen; Ps 98,1)

 

„Sehen“ können wir das alles nur mit den Augen der Liebe, wenn wir uns geduldig-demütig einlassen auf die Erfahrung des Heils in der Gemeinschaft der Kirche, d.h., der Heiligen, die zusammen mit der seufzenden, leidenden Kreatur (Röm  8,22) den Leib Christi bilden – die „neue, nach Ihm benannte Gemeinde“, die  unter Seinem Schutz steht (Kondak).  Wenn wir uns bekreuzigen und unser Kreuz zusammen mit dem erhöhten Herrn auf uns nehmen, können wir aus vollem Herzen und mit hellem Verstand und mit offenen Sinnen das Dankgebet der Göttlichen Liturgie sprechen:

             „Wir haben das wahre Licht gesehen ,den himmlischen Geist empfangen, wir

               haben den wahren Glauben  gefunden,die unteilbare Dreieinigkeit beten wir

               an, denn Sie hat uns erlöst.“

              „Rette, Herr, Dein Volk und segne Dein Erbe!“  (Ps 27,9) 

                                                                                                                Amen

 

  

Literatur:

Christian Beutler: Der Gott am Kreuz. Zur Entstehung der Kreuzigungsdarstellung; Hamburg 1986

Leonid Ouspensky/Wladimir Lossky: Der Sinn der Ikonen; Bern und Olten 1952; S.151f., 183ff.