Das Fest geht zurück auf die Weihe der Neuen Marienkirche in Jerusalem (543) und entfaltet symbolisch ein Motiv aus den apokryphen (nicht biblischen) Evangelien: Die selbstlose Vorbereitung auf die unfassbare Berufung zur Gottesgebärerin in einem geheiligten Leben. Im Westschiff unser Kirche, das der Gottesgebärerin gewidmet ist, wird auch dieses Fest vergegenwärtigt.
Kondak (4. Ton):
„Der reinste Tempel des Erlösers, das kostbare Brautgemach, die Jungfrau, die heilige Schatzkammer der Herrlichkeit Gottes, wird heute eingeführt in das Haus des Herrn und führt mit ein die Gnade im göttlichen Geist. Die Engel besingen sie: Sie selbst ist das himmlische Zelt.“
P. Nikolai Wolper; Predigt Hamburg, 4.12.2005
24. Sonntag nach Pfingsten: „Ich schreibe ihnen Meine Gesetze ins Herz.“ (vgl. Heb 8,10)
Liebe Brüder und Schwestern,
wir feiern heute ein ganz wunderbares Fest: „Der reinste Tempel des Erlösers (...) wird heute eingeführt in den Tempel“. In diesem Festgeheimnis finden wir keinen historischen Bericht, sondern ein lebendiges Bild für unseren eigenen Lebensweg. Das kann uns deutlich werden, wenn wir uns vergegenwärtigen, was der Tempel in der Geschichte des Gottesvolkes bedeutet.
Das Protevangelium des Jakobus schildert uns sehr anschaulich diese Geschichte der Gottesmutter, beginnend schon mit ihrer wundersamen Geburt gegen alle menschliche Vernunft und Erfahrung als „Kind der Verheißung“ (vgl. Gal 4,28) der greisen Eltern Joachim und Anna, die aus großer Dankbarkeit für das ersehnte Geschenk ihre Tochter Maria („Gnade“) Gott weihten. Joachim konnte den Tag der Übergabe an den Tempel gar nicht erwarten und drängte schon nach zwei Jahren zur Erfüllung des Gelübdes; aber die besonnenere Anna mahnte zum Aufschub, um dem Kind die Trennung vom Elternhaus zu erleichtern. In der Sorge, Maria könne sich doch umschauen, wurden ihr mehrere Jungfrauen als Begleiterinnen beigesellt, aber das Mädchen strebte voller Sehnsucht von sich aus dem Tempel zu und warf sich dem Priester in die Arme. In dieser Vorgeschichte des Heils, die sich in der Familie der „Gottesahnen“ Joachim und Anna verdichtet, wird das Gottesvolk auf den Wendepunkt in der Geschichte der Menschheit , die Geburt des Gottessohnes, vorbereitet.
Ein Tempel ist der Ort der Anwesenheit Gottes in der Welt, eine Stätte der Begegnung des Schöpfers mit Seiner Schöpfung, ein Raum des Heils. Die Kirche stellt uns im Vorabendgottesdienst mit den Lesungen aus dem Alten Testament die wichtigsten Stationen vor: Die Bundeslade barg die auf dem Sinai geoffenbarten Gesetzestafeln und wurde beim Zug des Volkes durch die Wüste mitgeführt um an den Ruhestätten im Allerheiligsten des stets neu aufgebauten Bundeszeltes, überschattet vom Geist Gottes, niedergelegt zu werden als Zeichen Seiner Gegenwart (Ex 40,1-10). Später wurde die Lade übertragen in den prachtvollen Tempel, den Salomo auf dem Zionsberg errichtete (1 Kön 8,1-13). Als 500 Jahre vor der Menschwerdung des Herrn der Tempel vernichtet und das Volk in die babylonische Gefangenschaft geführt wurde , waren es die großen Propheten, die den eigentlichen Sinn dieses Schicksals in Visionen schauten (z.B. Ez 1; 43,27-44,4) und den zukünftigen Tempel, der nicht mehr aus Stein gebaut, sondern aus lebendigem Fleisch und Blut gebildet sein würde, verkündigten. Im Brief an die Hebräer, unmittelbar vor den Versen, die wir heute gehört haben, zitiert der Apostel ausführlich aus dem Buch des Propheten Jeremia: „Ich lege Meine Gesetze in ihr Inneres hinein und schreibe sie ihnen ins Herz.“ (Heb 8,10) Aber die Menschheit war noch nicht genügend vorbereitet, und so erstand nach der Rückkehr des Volkes aus dem Exil der zweite, noch prächtigere Tempel, in dem auch der Herr Selbst betete und lehrte, und der nach Seinem Tod und Seiner Auferstehung im Jahre 70 endgültig zerstört wurde.
Das “Kind der Verheißung“ wurde also in den Tempel eingeführt. Was machte es da? Wenn die Festikone vollständig ist, stellt sie nicht nur den Abschluss des Alten Bundes in den Gestalten von Joachim und Anna dar, sondern symbolisch auch die Zukunft. Oben im Tempel, am Ende hoher Stufen, sitzt die zur Gottesgebärerin Erwählte vor dem Allerheiligsten und wird ernährt von einem Engel. Welch ein ergreifendes Bild: die Jungfrau beim Allerheiligsten, das nur der Hohepriester einmal im Jahr betreten durfte nach sorgfältig erfüllten Reinigungsriten, woran der Hebräerbrief uns heute erinnert hat (Heb 9,1-7), gestärkt von himmlischer Speise! V. Ambrosius hat diese Anstößigkeit gern zu mildern versucht mit dem Hinweis auf das „Mädcheninternat“, das dem Tempel angeschlossen war, in dem streng ausgewählte Töchter des Volkes in das Verständnis der heiligen Schriften und Überlieferungen eingeführt wurden, getragen von den Gebeten und Frömmigkeitsübungen; aber auch voller Hingabe praktische Hilfsdienste für die Priester verrichteten, etwa indem sie Gewänder nähten und für die gottesdienstlichen Geräte sorgten (wie das später vielfach christliche Nonnen taten). Vielleicht war es so.
Die Grundhaltung, die hier zum Ausdruck kommt, führt uns zurück auf unseren eigenen Lebensweg, den wir im Tempelgang Marias versinnbildlicht sehen: An allen Festen der Gottesmutter lesen wir das Evangelium der Schwestern Martha und Maria (Lk 10,38-42). Es ist dabei nicht wichtig, ob es sich auf die Mutter Jesu bezieht oder auf eine andere Maria. Entscheidend ist der Zuspruch des Herrn, die hörende, ganz Seinen Worten hingegebene Grundhaltung sei die wertvollere „Tätigkeit“ des Menschen, womit Jesus keineswegs den praktischen Dienst in der Welt gering schätzen wollte; Er hat Martha ja nicht gerügt, sondern uns nur die Heilsbedeutung der lauschenden Hingabe gelehrt. In der Apsis über unserem Altar sehen wir die Gottesmutter als Betende mit erhobenen Händen, als die ganz für das Kommen Gottes und die Begegnung mit Ihm Offene. Darin stellt sie die ganze heilige Kirche als den Leib Christi dar, als die Gemeinschaft derer, die das Heil allein und bedingungslos von Gott erwarten, worin jeder einzelne von uns sich wieder erkennen und zugehörig fühlen sollte kraft der heiligen Taufe und Myronsalbung. Eigentlich müsste vor der Brust der Gottesmutter das Bild des Gott-Kindes, des Emmanuel, erscheinen ( die „Gottesmutter des Zeichens“; vgl. Jes 7,14), um die Hinordnung dieser Geste auf die Menschwerdung Gottes hin zu vergegenwärtigen – so wie ja das heutige Fest am Beginn der Vorbereitungszeit für Weihnachten auf das Ziel unseres Glaubens verweist.
Das Bild des Weges, gar noch der Stufen einen Berg empor, ist allen großen Religionen vertraut. Heiligtümer und Pilgerstätten erfordern oft den beschwerlichen Aufstieg. Zum Weg gehören eine Richtung, ein Ziel; aber auch das Gehen, die Anstrengung. Im stufenweisen Fortschreiten geben wir unserem Leben eine Orientierung – im Dreiklang von Körper, Seele und Geist, durch die Hilfe der hl. Kirche im Rhythmus von Fasten und Feiern, in der Aneignung der heiligen Schriften, der Praxis unserer Gebetsregel und der Verehrung der Ikonen, die vor der Menschwerdung Gottes noch nicht möglich war, in der aufmerksamen Teilnahme am Gottesdienst. Gott kommt nicht einfach auf uns zu um uns zu nötigen; Er erwartet unsere Sehnsucht und unseren Aufbruch zu Ihm. Wir erfahren das, wenn wir uns immer wieder auf den Weg zur Kirche machen und dort die Gemeinschaft der Heiligen und zur Heiligkeit Berufenen erfahren und schließlich nach unseren Zurüstungen in Gebet und Fasten die Stufen zum Altar hoch gehen um uns mit Christus Selbst in Gestalt von Brot und Wein zu vereinigen – so wie es der Gottesmutter am Ende ihrer Vorbereitungszeit, als sie mit Josef verlobt war, widerfuhr: Sie gab ihr „Ja-Wort“ nach der Ankündigung des Engels („Mir geschehe, wie du gesagt hast.“ Und der Hl. Geist überschattete sie wie ehemals das Allerheiligste; Lk 1,38). Damit bot sie ihren Leib stellvertretend für die ganze wartende Menschheit dar um Gefäß zu werden für die Vereinigung Gottes mit Seinen gefallenen und doch geliebten Geschöpfen zu ihrer Erlösung. Die lange Geschichte des Gottesvolkes und seiner Tempel fand damit ihre Vollendung bis in die Gegenwart und in alle Ewigkeit: So ermahnt uns der hl. Apostel Paulus immer wieder, dass „euer Leib ein Tempel des Heiligen Geistes sei“ (1 Kor 6,19): „Der Tempel seid ihr!“ (1 Kor 3,17) Und tatsächlich leiten wir ja alle unsere Gebete mit der dringlichen Einladung an Gott ein: „Himmlischer König, Tröster, Geist der Wahrheit (...), komm und wohne in uns und reinige uns von aller Befleckung und errette, Gütiger, unsere Seelen!“ Anders als im Hl. Geist, Der uns mit der Liebesgemeinschaft der drei göttlichen Personen verbindet, können wir gar nicht beten.
Nicht ein historisches Ereignis feiern wir heute, sondern die überzeitliche Gegenwart unserer Hinordnung auf Gott, wie wir es in der heutigen Sonntags-Lesung, die wunderbar den tiefen Gehalt dieses Festtages zusammenfasst, gehört haben: „Ihr seid auf das Fundament der Apostel gebaut. Der Schlussstein ist Christus Jesus Selbst. Durch Ihn wird der ganze Bau zusammengehalten und wächst zu einem heiligen Tempel im Herrn. Durch Ihn werdet auch ihr im Geist zu einer Wohnung Gottes erbaut.“ (Eph 2,20-22) Amen.
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