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Hochfest des Entschlafens der Gottesgebärerin (15./28.) (Uspenije) (P.Nikolai Wolper)
Dieses Fest, das auf die Weihe einer Marien-Kirche im 4.Jhdt. zurückgeht, hat keine direkte Grundlage in der Hl. Schrift, vergegenwärtigt aber einen wesentlichen Aspekt unseres Glaubens an die „Vergöttlichung“ des Menschen durch die Vereinigung mit Gott als Ziel unseres Lebens. „Was wir (...) in Vorabbildung an der Gottesgebärerin feiern, das gilt auch für jeden einzelnen Gläubigen: Der Herr gibt kein menschliches Geschöpf, in dem Er Wohnung genommen und das Er geheiligt hat, dem Tod zur Zerstörung anheim, sondern macht diese(n) vielmehr in Seiner Hand zu einem Mittel der Vollendung und Verherrlichung Seiner Erwählten.“ (S.Heitz, Mysterium der Anbetung) Anders als die römische Kirche, die seit der Verkündigung des Dogmas durch Papst Pius XII. 1950 die „Leibliche Himmelfahrt Mariä“ lehrt, feiert die orthodoxe Kirche stets nur das „Entschlafen der Gottesmutter“ als Geheimnis, ohne eine genaue Bestimmung dieses Geschehens. Entscheidend für die Verkündigung ist allein die unverbrüchliche Beziehung der Gottesmutter zu ihrem Sohn Jesus Christus, die im liturgischen Lobpreis verherrlicht wird. Die Gläubigen sollen sich mit einer zweiwöchigen Fastenzeit auf diese Feier vorbereiten. Das Fresko des Entschlafens bildet den Mittelpunkt des Westschiffes unserer Kirche, das der Gottesgebärerin gewidmet ist. - - -
P. Nikolai Wolper Predigt Hamburg, 28.8.2005
„Glaubt an Mich!... Ich gehe, um euch eine Stätte zu bereiten .“ (Joh 14,1ff.)
Liebe Brüder und Schwestern,
die Ikone des heutigen Festtages kommt uns spontan vertraut vor, wenn wir denken an den Abschied von geliebten, uns nahe stehenden Menschen, der uns mit Trauer erfüllt im Bewusstsein, allein gelassen zu werden. Die Kirche ermuntert uns aber ausdrücklich zu jubeln, ja zu tanzen vor Freude über den Heimgang der Gottesgebärerin – und sie gibt uns im Mitvollzug des Gottesdienstes Hinweise, wie wir im Blick auf dieses Ereignis uns selbst und unser Leben verstehen lernen im Fortgang der Geschichte des Heils, das Gott Seiner Schöpfung bereitet. Dabei wird unser Blick wie stets gelenkt aus der Gegenwart in der Göttlichen Liturgie sowohl zurück in die Vorgeschichte Seiner Menschwerdung als auch nach vorn auf die Verheißung nicht nur für unser persönliches Schicksal, sondern für die ganze Welt am Ende der Zeit. „Mache Dich auf, Herr, zu Deiner Ruhestatt, Du und die Lade Deiner Heiligkeit!“(Ps 131,8) So haben wir beim Alleluja nach den Apostel-Lesungen gehört. Der ganzePsalm 131 feiert das Gedächtnis der Überführung der Bundeslade mit den Gesetzestafeln, die Moses am Sinai offenbart und später durch die Philister, denen sie nur Unglück gebracht hatte, geraubt wurde, nach Israel, bis König David ihr in Jerusalem den endgültigen Ort gab.(1 Sam 5+6; 2 Sam 6) Sein Sohn Salomo errichtete dann anstelle des Wüstenzeltes den glanzvollen Tempel, in dessen Allerheiligstem die Bundeslade stand. Nur der Hohepriester durfte einmal im Jahr diesen Raum betreten – mit dem Opferblut für sich und die Sünden des Volkes, woran wir im Brief an die Hebräer (Kap 9) erinnert werden. (An manchen Festen zu Ehren der Gottesmutter wird dieses Kapitel gelesen.)Mit der Zerstörung des Tempels im 6.Jh. v..Chr. ging diese Lade wohl verloren; jedenfalls war sie im zweiten Tempel nach der Rückkehr aus dem Exil nicht mehr vorhanden. (Die Äthiopische Kirche beansprucht, sie gerettet zu haben und bis heute zu bewahren.) Und mit der Zeitenwende durch Jesus Christus hatte sie nun auch keine Bedeutung als Vor-Abbildung für den Neuen Bund mehr, denn die Herrlichkeit Gottes wohnte nicht mehr in einem Kasten im steinernen Tempel, sondern Gott hat Sich unwiderruflich eine Wohnung bereitet in der „Mutter des Lebens“ als lebendiger Bundeslade aus Fleisch und Blut – und deren Übertragung in die Hände Gottes feiern wir heute.
In der Ikone überragt die Gestalt Christi alles andere, und sie hält in Form eines kleinen Kindes die Person Seiner Mutter auf dem Arm – welch eine Umkehrung des vertrauten Bildes der Gottesgebärerin mit dem Gottessohn! Er ist der eigentliche Mittelpunkt des Geschehens, keine der legendären Einzelheiten, die die Szene oft ausschmücken. Und deshalb ist der heutige Tag ein Freudentag! Die Wahrheit der Legende besteht in der Vollendung der folgerichtigen, eindeutigen Hinordnung des Lebens der Gottesmutter auf den Gottmenschen und ihre Mitwirkung an Seinem Erlösungswerk hin zu einer ganzheitlichen Gestalt: die wundersame Empfängnis der hl. Anna, die Einführung des Kindes in den Tempel, die Jungfrauengeburt, ihre Treue auch noch unter dem Kreuz des Herrn und schließlich ihre bewusste Aufnahme in den Himmel, nachdem sie auf ein Zeichen ihres Sohnes hin die Apostel aus den Missionsländern zusammengerufen, sich auf das Sterbelager gebettet und segnend Abschied genommen hatte von den Gefährten, denen sie auch als Verherrlichte nahe bleibt. Sie stirbt in der Gemeinschaft der ganzen Kirche über die Grenzen von Raum und Zeit hinweg, der irdischen und der himmlischen, die nicht voneinander geschieden sind. Dies darf uns Trost sein beim Gedanken an unser eigenes Ende, das vielleicht äußerlich einsam geschehen wird, aber vorbereitet durch unsere Einübung in die Lebensform der Kirche, dürfen wir darauf vertrauen, von den Heiligen und Engeln in die Hände des Gottessohnes geleitet zu werden. Wenn auch die Gottesmutter die besonders Begnadete ist, so fasst sie doch nur unser aller Berufung in ihrer Gestalt zusammen, jeder einzelne von uns soll Wohnung Gottes werden. Uns dazu zu bereiten, ist der Sinn unseres Lebens, sind wir doch alle Glieder am Leib der Kirche als Gemeinschaft der Heiligen, deren Haupt Christus ist.
„Die du in das himmlische Brautgemach zu deinem Sohn hinüber ziehst, rette stets, Gottesgebärerin, dein Erbe!“ (Utrenja, 9.Ode) Vor wenigen Wochen, am Fest der hl. Anna, der Mutter der Gottesgebärerin, sind wir vom hl. Apostel Paulus an unsere Würde als „Kinder der Verheißung“ erinnert worden (Gal 4,28) Und in der 9.Ode der heutigen Nachtwache knüpft die Kirche in einem – wörtlich genommen – sehr gewagten Bild daran an (aber anders als in Paradoxien können wir uns der Unergründlichkeit Gottes und dem Mysterium Seiner Menschwerdung nicht nähern): Maria ist nicht nur die Mutter des Herrn, sondern auch Seine Braut, mit der Er Sich vermählt hat! Hier wird uns eindringlich vor Augen geführt, dass wir aufgerufen sind, uns nicht auf Verniedlichungen und sentimentale Ausmalungen im Blick auf die Gottesmutter als Individuum einzulassen, sondern sie zu sehen als überzeitliches Bild der ganzen in der Kirche erlösten Menschheit – und deshalb stellen wir sie auch dar in der Gebetshaltung über dem Altar. (Unverständige stoßen sich an ihrer vermeintlichen Überhöhung als „Göttin“...) Wie Christus der neue Adam ist, so steht Maria Ihm als neue Eva zur Seite.
„Die Königin steht zu Deiner Rechten, mit goldgewirktem Gewande prachtvoll bekleidet.“ (Ps 44,10) Schon im Alten Bund wurde dieser Hochzeitspsalm über den besonderen Anlass hinaus prophetisch auf die Verbindung des messianischen Königs mit seinem auserwählten Volk zur Einrichtung des Friedensreiches gedeutet. Wenn der Priester diesen Vers bei der Gabenbereitung (Proskomidie) spricht, während er das Prosphoren-Stück für die Gottesmutter neben das große „Lamm Gottes“, das später als Leib Christi den Gläubigen zur Kommunion gereicht wird, legt; und wenn wir (in Hamburg) bei allen Gottesmutter-Festen diesen Hochzeitspsalm lesen, so bekennen wir uns zu Jesus Christus als dem Gottmenschen, Der in Seiner Kirche diese Verheißung erfüllt. (Der hl. Apostel Paulus stellt uns im Brief an die Epheser 5,21-33 die hohe Würde der Ehe als Bild der Vereinigung des Herrn mit der Kirche vor Augen, was wir bei jeder Trauung – dem “ Mysterium der Krönung“! – wiederholen.)
Aber der Horizont des heutigen Festtages ist noch weiter. Er weist uns nicht nur auf das Ende unseres eigenen Lebens als dem Augenblick der Begegnung mit dem auferstandenen Herrn hin nach dem Vorbild des Heimgangs der Gottesmutter, sondern auch auf die Verheißung der ganzen Schöpfung am Ende der Welt, wenn Er wiederkommen wird zum Gericht und zur endgültigen Verklärung des Kosmos, wovon der Seher Johannes am Schluss der Hl. Schrift kündet: „Dann sah ich einen neuen Himmel und eine neue Erde, denn der erste Himmel und die erste Erde sind vergangen, auch das Meer ist nicht mehr. Ich sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott her aus dem Himmel herabkommen; sie war bereit wie eine Braut, die sich für ihren Mann geschmückt hat. Da hörte ich eine laute Stimme vom Thron her rufen: Seht, die Wohnung Gottes unter den Menschen! Er wird in ihrer Mitte wohnen, und sie werden Sein Volk sein; und Er, Gott, wird bei ihnen sein. Er wird alle Tränen von ihren Augen abwischen; Der Tod wird nicht mehr sein, keine Trauer, keine Klage, keine Mühsal. Denn was früher war, ist vergangen.“ (Apk 21,1-4) Der uns aus unzähligen Pannichiden vertraute Kondak für die Toten spielt auf diesen Ausblick auf das Neue Jerusalem an. Es wird schon jetzt in der Liebesgemeinschaft der Kirche gegenwärtig, und daraus sollten wir unsere Zuversicht schöpfen, wenn wir durch das Westportal unter der Ikone des Heimgangs der Gottesgebärerin zu Christus die Kirche verlassen und in die oft so verdüsterte, von unser aller Sünde gezeichnete Welt, die der Erlösung harrt, hinausgehen. Der Herr ruft wie den traurigen Jüngern bei Seinem Abschied, so auch uns eindringlich zu:
„Euer Herz lasse sich nicht verwirren. Glaubt an Gott und glaubt an Mich! (...) Ich gehe, um euch eine Stätte zu bereiten. Wenn Ich gegangen bin und eine Stätte für euch bereitet habe, komme Ich wieder und werde euch zu Mir holen, damit ihr dort seid, wo Ich bin.“ (Joh 14,1-3) Amen.
Literatur: Lothar Heiser: Maria in der Christus-Verkündigung des orthodoxen Kirchenjahres; Trier 1981; Kap. IX
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