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Die Feste der Geburt (25.12.) und der Taufe des Herrn (6.1.) sind
nicht nur als Erinnerung historischer Daten zu verstehen wie unsere
eigenen Geburtstagsfeiern, sondern als Vergegenwärtigungen des
Erlösungswerks Christi im Gottesdienst und in unserem Leben. Sie
wurden ursprünglich als eine gemeinsame Feier der verschiedenen
Gotteserscheinungen (Theophanien) begangen und erst im 4. Jhdt. in
zwei Feste getrennt. Am 25.12. steht seither die Menschwerdung
(Inkarnation) Gottes im Mittelpunkt, am 6.1. sind es die
Gottesoffenbarungen bei der Taufe (Herabkunft des Hl. Geistes), der
Hochzeit zu Kana (das Weinwunder; Joh 2,1-11) und der Anbetung
der „Weisen aus dem Morgenland“ („Magier“).
Beide Hochfeste sind durch die umfangreiche Ausgestaltung des Vortages
ausgezeichnet. Die „Königlichen Stunden“ und die Vesper,
die viele Lesungen aus dem Alten Testament (besonders die
Messias-Prophetien) enthalten und schließlich als Erfüllung der
Verheißungen in die Göttliche Liturgie des hl. Basilius
übergehen. Deshalb besteht später die „Nachtwache“ („Vigil“)
nicht, wie sonst immer, aus der Vesper und dem Morgenamt, sondern
beginnt mit der „Großen Komplet“ (Nachtgebet) mit umfangreichen
Psalmlesungen und dem Bußgebet des Manasse.
(Anders als viele orthodoxe Gemeinden, feiern wir diesen Gottesdienst
leider nicht nachts, sondern zur üblichen Zeit ab 17.00 Uhr.)
Das Mysterium der Menschwerdung des Schöpfers ist nicht mit dem
Verstand zu begreifen, sondern nur in Paradoxien zu verherrlichen, wie
im Kondakion.
P. Nikolai Wolper
Predigt
Hamburg, 8.1.2006
29. Sonntag nach
Pfingsten: „Er kam das Weltall zu weihen.“
2.
Weihnachtsfeiertag
Liebe Brüder und Schwestern,
der heutige zweite Festtag ist in besonderer Weise der Gottesmutter
gewidmet. Wem von uns ist schon einmal aufgefallen, dass im
Mittelpunkt der Weihnachtsikone gar nicht das göttliche Kind, sondern
die Gestalt der ruhenden Gottesgebärerin zu liegen scheint?
Aber wie bei allen Festen der Gottesmutter, so wird uns auch heute vor
Augen geführt, dass ihre Verehrung allein geschieht um ihrer Aufgabe
willen, die sie für uns alle, die ganze Welt, erfüllt hat. In ihr wird
vollendet, worauf das Volk Gottes in seiner Jahrtausende langen
wechselvollen Geschichte vorbereitet wurde: die Geburt des Messias.
„Ich verkünde euch eine große Freude“, ruft der Engel
uns zu (Lk 2,10) – und wie wunderbar dieser Anlass ist, können
wir erst so recht ermessen, wenn wir uns erinnern, mit was für einer
Menschheit Sich der Sohn Gottes vereinigt hat. Schon Sein Stammbaum
mit den vom hl. Joh. Chrysostomos so drastisch bezeichneten
„unbedeutenden und verkommenen“ Vorfahren offenbart Seine Mission, der
Welt einen neuen Sinn zu verleihen, ihre Verklärung im Hl. Geist.
„Gott ist Mensch geworden, damit der Mensch vergöttlicht werde“,
haben seit dem hl. Athanasius die Kirchenväter oft wiederholt. Und der
hl. Basilius widmet diese Feier gar „dem Geburtstag der Menschheit“. (Heiser
93) „Er kam das Weltall zu weihen“, sang
früher die römische Liturgie. (Ouspensky 159)
Die Festikone vergegenwärtigt im Bild den ganzen Reichtum dieses
Weltereignisses, und unsere vielen Texte in diesen Tagen deuten das
Geschehen, in poetischen Worten das Geheimnis umkreisend. Wir können
uns orientieren an einer Vesper-Stichire aus dem
Weihnachtsgottesdienst (Ousp.):
„Was sollen wir Dir darbringen, Christus,
da Du auf Erden um unseretwillen als
Mensch erschienen bist?
Jedes Geschöpf bringt Dir unseren Dank dar:
Die Engel den Gesang, die Himmel den Stern,
die Magier die Gaben, die Hirten das Staunen,
die Erde die Höhle, die Wüste die Krippe,
wir aber die Mutter-Jungfrau.
Der Du vor allen Zeiten Gott bist, erbarme Dich unser!“
Die Vertreter aller Reiche der Schöpfung danken dem Emmanuel – dem
Gott-mit-uns, wie wir in der Komplet singen – auf
die Weise, die ihrer Aufgabe im Schöpfungsplan gemäß ist. Nur Ochs
und Esel als Vertreter der vernunftlos-beseelten Lebewesen werden
(auch im Evangelium) nicht genannt. „Ein Ochse kennt seinen Herrn
und ein Esel die Krippe seines Besitzers; aber Israel kennt es nicht,
und mein Volk vernimmt es nicht.“ (Jes 1,3) Diese Tragik, dass
gerade das auserwählte Gottesvolk den erwarteten Messias nicht
erkannte, weil es eine falsche, zu weltlich-großartige Vorstellung von
ihm hegte, hatte der Prophet Jesaja vorhergesehen. Die Tiere sind hier
dem „Kennen und Vernehmen“ des Erlösers näher als die Menschen mit
ihren falschen Bildern von Gott.
Die Engel sind nicht nur die Boten Gottes, die Seinen Willen
an die Menschen vermitteln – einer von ihnen wendet sich die Frohe
Botschaft verkündend den Hirten zu; sondern sie bringen unablässig
Gott den Dank und die Anbetung für die ganze Schöpfung dar. Unsere
Liturgie, die wir nur zeitweilig in unseren Kirchen feiern, ist die
unvollkommene vergegenwärtigende Abbildung der Himmlischen Liturgie.
Jeder Blick zur Kuppel erinnert uns daran.
Die Himmel bringen den Stern dar als Zeichen der göttlichen
Welt, wie es schon den Israeliten verheißen war zur Besiegung des
Bösen: „Ein Stern geht auf über Jakob, ein Zepter erhebt sich in
Israel.“ (Num 24,17). Die Astronomen haben errechnet, dass der
„Stern von Bethlehem“ tatsächlich eine äußerst ungewöhnliche
Himmelserscheinung war: die scheinbare Begegnung der Planeten Jupiter,
der im Orient als Stern des Königtums galt, und Saturn, der als
„Sabbatstern“ (vgl. „Saturday“) dem Volk Israel zugeordnet wurde (vgl.
Amos 5,26; Apg 7,43) Und beide standen scheinbar fast
gleichzeitig still in der Mitte des Tierkreiszeichens der Fische zur
Zeit der Geburt Jesu.
Die Magier waren Gelehrte aus Babylon, die diese
Sternbewegungen berechnen konnten und ihre Bedeutung kannten, so dass
sie dem Lauf des Jupiter folgten, um das erwartete Weltereignis nahe
Jerusalem zu erleben. Die Ikone stellt sie als Reiter auf dem Weg dar
– und, am Ziel angelangt, als Vertreter der Heiden, die dem Gottesvolk
in weltlicher Vernunft und Wissenschaft voraus waren und diese Gaben
der Menschheit dem göttlichen Kind darbrachten. „Völker wandern zu
Deinem Licht, und Könige zu Deinem strahlenden Glanz. (...) Alle
kommen von Saba, bringen Weihrauch und Gold und verkünden die
ruhmreichen Taten des Herrn.“ (Jes 60,3.6; vgl. Ps 71,10)
Die Hirten waren einfache, kindlich-fromme Juden, die in enger
Verbundenheit mit der vernunftlosen Schöpfung sich staunend und
glaubend dem Geheimnis der Menschwerdung Gottes näherten und in den
Lobpreis der Engel einstimmten. „Einfältige“ Menschen finden oft
leichter den Zugang zu Gott als die „Gebildeten“.
Die schwarze Höhle sehen wir auch unter der Kreuzigungsszene –
mit dem Schädel Adams, der auf den Abstieg Gottes wartet um mit Ihm
aufzuerstehen. So strahlt auch das göttliche Licht in die Geburtshöhle
zu denen, „die in der Finsternis (im Todesschatten) wohnen“ (Jes
9,1). Christus ist die wahre „Sonne der Gerechtigkeit
(Wahrheit)“ (Mal 3,20), weshalb die Kirche das Geburtsfest des
Erlösers auf den 25.12. gelegt hat, um die römische Feier der Geburt
der „unbesiegbaren göttlichen Sonne“ zu ersetzen.
Von der Krippe spricht nur der Evangelist Lukas (Lk 2,7).
Dass sie von der Wüste dem Gottessohn dargebracht werde, ist ein
Gedanke des hl. Gregors d.Theol., der im Manna, das den
ungeduldigen, murrenden Israeliten auf der Wanderung durch die
lebensfeindliche Wüste zur himmlischen Speise wurde (Ex 16),
die hl. Eucharistie vorabgebildet sah. Mit Seiner menschlichen Geburt
wird Gott Selbst „das lebendige Brot, das vom Himmel
herabgekommen ist“. (Joh 6,51) Es gibt Ikonen, die das
Christuskind auf dem Diskos, dem goldenen Teller für die Prosphore,
darstellen! Die demütige Herabneigung des Gottessohnes zum Schicksal
der Menschen bis hin zum furchtbaren Kreuzestod (Phil 2,5-11)
veranschaulicht die Weihnachtsikone oft, indem die Krippe als
sargähnlicher Altar und die Windeln wie Leichenbinden, die das Kind
fest einhüllen, gestaltet sind.
Mit der Gabe der ganzen Menschheit, der jungfräulichen Mutter,
erreicht die Stichire ihren Höhepunkt des Lobpreises. Überragt in der
Ikone der Entschlafung Marias die Christusgestalt das Sterbebett, so
beherrscht nun statt ihres göttlichen Sohnes die auf dem Ruhelager
gebettete Gottesgebärerin das Bild. Deutlicher ist die Erwählung und
Erhöhung dieses Menschen als Vertreterin aller zur Erlösung Berufenen
– „ehrwürdiger als die Cherubim und unvergleichlich
herrlicher als die Seraphim“ – nicht auszudrücken! Sie wendet sich
nicht mütterlich ihrem Säugling zu, sondern uns, den Betrachtern, wie
das für Ikonen typisch ist. Durch die „Fenster zur Ewigkeit“ schauen
uns die Heiligen an und laden uns ein, uns durch sie dem göttlichen
Licht zuzuwenden.
Die Gottesgebärerin bringt sich selbst Gott dar und wird so zur
neuen Eva, der Mutter-Kirche, in der Gott Sich ewig mit der Welt
vereinigt. Und was bringen wir Gott dar?
Jede Darbringung ist die Hinwendung zu Gott, das Suchen Seiner Nähe
und das Sichöffnen für Seine Gegenwart, die unser Leben verändert.
Unsere Grundgeste dafür ist das Gebet, das uns mit Gott
verbindet, wo immer wir sind. Wie den Engeln sollte es auch uns zur
ständigen Haltung werden, nicht nur, wenn wir gerade einmal Zeit und
Lust dazu haben. Je mehr wir auswendig kennen (und das „Jesusgebet“
muss man nicht „lernen“), desto inniger kann das Gebet uns im Alltag
begleiten. Letztlich ist es eine Frage, wie wir mit unserer Zeit
umgehen und welche Rangfolge der Wichtigkeit wir unseren
Tätigkeiten zuteilen. Das gilt auch für den Weg zur Kirche und die
Vorbereitung auf den Empfang des „Lebensbrotes“ in den Sakramenten.
Mit der regelmäßigen Lesung der hl. Schrift – der Kalender gibt
uns eine tägliche Ordnung dafür - können wir wie die Gottesmutter die
auf das Wort des Herrn Hörenden, ganz von Ihm Durchdrungenen,
es in unserem Herzen Bewegenden werden.
Manchen ist die fromme Einfalt des Herzens, das ungetrübte staunende
Gottvertrauen der Hirten gemäß, anderen ist es gegeben, den
Intellekt einzusetzen um die Spuren Gottes in der Schöpfung und
Geschichte zu suchen wie die Magier.
Uns allen aber ist aufgetragen, uns nicht mit frommen Gefühlen zu
begnügen, sondern die Frohe Botschaft mit unserem ganzen Leben im
Alltag, in der Familie, bei der Arbeit, in all unserem Tun und Lassen
praktisch zu verkünden und so zur „Weihe der Welt“, die mit der
Menschwerdung Gottes begonnen hat, unseren Teil beizutragen.
Amen.
Literatur:
L.Ouspensky/V.Lossky: Der Sinn der
Ikonen; Bern und Olten 1952, S. 159ff.
K.Chr.Felmy: Das Buch der
Christus-Ikonen; Freiburg i.Br. 2004, S.74-82
K.Ferrari d’Occhieppo: Der Stern von
Bethlehem; Ffm./Berlin 1994
L.Heiser: Jesus Christus. Das Licht aus
der Höhe; St.Ottilien 1998, S.81-85
„Der
Gottesdienst zur Geburt unseres Herrn Jesus Christus“
ist in deutscher Sprache herausgegeben vom Kloster des Hl. Hiob von
Pocaev (München 2006; ISBN 3-935217-17-X)
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