Hochfest der Geburt des Herrn (Weihnachten): 25.12/7.1.

 

Tropar (4. Ton):

 

Deine Geburt, Christus unser Gott,

ließ erstrahlen der Welt

das Licht der Erkenntnis.

Denn es wurden die Verehrer der Gestirne

von einem Stern belehrt,

Dich anzubeten

als die Sonne der Gerechtigkeit

und Dich zu erkennen

als den Aufgang aus der Höhe.

Herr, Ehre sei Dir.

 

Kondak (3. Ton):

 

Die Jungfrau gebiert heute Den,

Der über allem Sein ist,

und die Erde bietet eine Höhle

dem Unfassbaren.

Die Engel lobpreisen mit den Hirten;

die Weisen wandern dem Sterne nach.

Denn für uns ist geboren

das kleine Kind, Der urewige Gott.

 

Die Feste der Geburt (25.12.) und der Taufe des Herrn (6.1.) sind nicht nur als Erinnerung historischer Daten zu verstehen wie unsere eigenen Geburtstagsfeiern, sondern als Vergegenwärtigungen des Erlösungswerks Christi im Gottesdienst und in unserem Leben. Sie wurden ursprünglich als eine gemeinsame Feier der verschiedenen Gotteserscheinungen (Theophanien) begangen und erst im  4. Jhdt. in zwei Feste getrennt. Am 25.12. steht seither die Menschwerdung (Inkarnation) Gottes im Mittelpunkt, am 6.1. sind es die Gottesoffenbarungen bei der Taufe (Herabkunft des Hl. Geistes), der Hochzeit zu Kana (das Weinwunder; Joh 2,1-11) und der Anbetung der „Weisen aus dem Morgenland“ („Magier“).

Beide Hochfeste sind durch die umfangreiche Ausgestaltung des Vortages ausgezeichnet. Die „Königlichen Stunden“ und die Vesper, die viele Lesungen aus dem Alten Testament (besonders die Messias-Prophetien) enthalten und schließlich als Erfüllung der Verheißungen in die Göttliche Liturgie des hl. Basilius übergehen. Deshalb besteht später die „Nachtwache“ („Vigil“) nicht, wie sonst immer, aus der Vesper und dem Morgenamt, sondern beginnt mit der „Großen Komplet“ (Nachtgebet) mit umfangreichen Psalmlesungen und dem Bußgebet des Manasse. (Anders als viele orthodoxe Gemeinden, feiern wir diesen Gottesdienst leider nicht nachts, sondern zur üblichen Zeit ab 17.00 Uhr.)

 

Das Mysterium der Menschwerdung des Schöpfers ist nicht mit dem Verstand zu begreifen, sondern nur in Paradoxien zu verherrlichen, wie im Kondakion

 

 

P. Nikolai Wolper                                               Predigt                                             Hamburg, 8.1.2006

 

                    29. Sonntag nach Pfingsten: „Er kam das Weltall zu weihen.“

 

                                                      2. Weihnachtsfeiertag

 

Liebe Brüder und Schwestern,

 

der heutige zweite Festtag ist in besonderer Weise der Gottesmutter gewidmet. Wem von uns ist schon einmal aufgefallen, dass im Mittelpunkt der Weihnachtsikone gar nicht das göttliche Kind, sondern die Gestalt der ruhenden Gottesgebärerin zu liegen scheint?

Aber wie bei allen Festen der Gottesmutter, so wird uns auch heute vor Augen geführt, dass ihre Verehrung allein geschieht um ihrer Aufgabe willen, die sie für uns alle, die ganze Welt, erfüllt hat. In ihr wird vollendet, worauf das Volk Gottes in seiner Jahrtausende langen wechselvollen Geschichte vorbereitet wurde: die Geburt des Messias.

 

„Ich verkünde euch eine große Freude“, ruft der Engel uns zu (Lk 2,10) – und wie wunderbar dieser Anlass ist, können wir erst so recht ermessen, wenn wir uns erinnern, mit was für einer Menschheit Sich der Sohn Gottes vereinigt hat. Schon Sein Stammbaum mit den vom hl. Joh. Chrysostomos so drastisch bezeichneten „unbedeutenden und verkommenen“ Vorfahren offenbart Seine Mission, der Welt einen neuen Sinn zu verleihen, ihre Verklärung im Hl. Geist. „Gott ist Mensch geworden, damit der Mensch vergöttlicht werde“, haben seit dem hl. Athanasius die Kirchenväter oft wiederholt. Und der hl. Basilius widmet diese Feier gar „dem Geburtstag der Menschheit“. (Heiser 93) „Er kam das Weltall zu weihen“, sang früher die römische Liturgie. (Ouspensky 159)

 

Die Festikone vergegenwärtigt im Bild den ganzen Reichtum dieses Weltereignisses, und unsere vielen Texte in diesen Tagen deuten das Geschehen, in poetischen Worten das Geheimnis umkreisend. Wir können uns orientieren an einer Vesper-Stichire aus dem Weihnachtsgottesdienst (Ousp.):

 

                       „Was sollen wir Dir darbringen, Christus,

                           da Du auf Erden um unseretwillen als Mensch erschienen bist?

                           Jedes Geschöpf bringt Dir unseren Dank dar:

                           Die Engel den Gesang, die Himmel den Stern,

                           die Magier die Gaben, die Hirten das Staunen,

                           die Erde die Höhle, die Wüste die Krippe,

                           wir aber die Mutter-Jungfrau.

                           Der Du vor allen Zeiten Gott bist, erbarme Dich unser!“

 

Die Vertreter aller Reiche der Schöpfung danken dem Emmanuel – dem Gott-mit-uns, wie wir in der Komplet singen – auf die Weise, die ihrer Aufgabe im Schöpfungsplan gemäß ist. Nur Ochs und Esel als Vertreter der vernunftlos-beseelten Lebewesen werden (auch im Evangelium) nicht genannt. „Ein Ochse kennt seinen Herrn und ein Esel die Krippe seines Besitzers; aber Israel kennt es nicht, und mein Volk vernimmt es nicht.“ (Jes 1,3) Diese Tragik, dass gerade das auserwählte Gottesvolk den erwarteten Messias nicht erkannte, weil es eine falsche, zu weltlich-großartige Vorstellung von ihm hegte, hatte der Prophet Jesaja vorhergesehen. Die Tiere sind hier dem „Kennen und Vernehmen“ des Erlösers näher als die Menschen mit ihren falschen Bildern von Gott.

Die Engel sind nicht nur die  Boten Gottes, die Seinen Willen an die Menschen vermitteln – einer von ihnen wendet sich die Frohe Botschaft verkündend den Hirten zu; sondern sie bringen unablässig Gott den Dank und die Anbetung für die ganze Schöpfung dar. Unsere Liturgie, die wir nur zeitweilig in unseren Kirchen feiern, ist die unvollkommene vergegenwärtigende Abbildung der Himmlischen Liturgie. Jeder Blick zur Kuppel erinnert uns daran.

Die Himmel bringen den Stern dar als Zeichen der göttlichen Welt, wie es schon den Israeliten verheißen war zur Besiegung des Bösen: „Ein Stern geht auf über Jakob, ein Zepter erhebt sich in Israel.“ (Num 24,17).  Die Astronomen haben errechnet, dass der „Stern von Bethlehem“ tatsächlich eine äußerst ungewöhnliche Himmelserscheinung war: die scheinbare Begegnung der Planeten Jupiter, der im Orient als Stern des Königtums galt, und Saturn, der als „Sabbatstern“ (vgl. „Saturday“) dem Volk Israel zugeordnet wurde (vgl. Amos 5,26; Apg 7,43) Und beide standen  scheinbar fast gleichzeitig still in der Mitte des Tierkreiszeichens der Fische zur Zeit der Geburt Jesu.

Die Magier waren Gelehrte aus Babylon, die diese Sternbewegungen berechnen konnten und ihre Bedeutung kannten, so dass sie dem Lauf des Jupiter folgten, um das erwartete Weltereignis nahe Jerusalem zu erleben. Die Ikone stellt sie als Reiter auf dem Weg dar – und, am Ziel angelangt, als Vertreter der Heiden, die dem Gottesvolk in weltlicher Vernunft und Wissenschaft voraus waren und diese Gaben der Menschheit dem göttlichen Kind darbrachten. „Völker wandern zu Deinem Licht, und Könige zu Deinem strahlenden Glanz. (...) Alle kommen von Saba, bringen Weihrauch und Gold und verkünden die ruhmreichen Taten des Herrn.“ (Jes 60,3.6; vgl. Ps 71,10)

Die Hirten waren einfache, kindlich-fromme Juden, die in enger Verbundenheit mit der vernunftlosen Schöpfung sich staunend und glaubend dem Geheimnis der Menschwerdung Gottes näherten und in den Lobpreis der Engel einstimmten. „Einfältige“ Menschen finden oft leichter den Zugang zu Gott als die „Gebildeten“.

Die schwarze Höhle sehen wir auch unter der Kreuzigungsszene – mit dem Schädel Adams, der auf den Abstieg Gottes wartet um mit Ihm aufzuerstehen. So strahlt auch das göttliche Licht in die Geburtshöhle zu denen, „die in der Finsternis (im Todesschatten) wohnen“ (Jes 9,1). Christus ist die wahre „Sonne der Gerechtigkeit (Wahrheit)“ (Mal 3,20), weshalb die Kirche das Geburtsfest des Erlösers auf den 25.12. gelegt hat, um die römische Feier der Geburt der „unbesiegbaren göttlichen Sonne“ zu ersetzen.

Von der Krippe spricht nur der Evangelist Lukas (Lk 2,7). Dass sie von der Wüste dem Gottessohn dargebracht werde, ist ein Gedanke des hl. Gregors d.Theol., der im Manna, das den ungeduldigen, murrenden Israeliten auf der Wanderung durch die lebensfeindliche Wüste zur himmlischen Speise wurde (Ex 16), die hl. Eucharistie vorabgebildet sah. Mit Seiner menschlichen Geburt wird Gott Selbstdas lebendige Brot, das vom Himmel herabgekommen ist“. (Joh 6,51) Es gibt Ikonen, die das Christuskind auf dem Diskos, dem goldenen Teller für die Prosphore, darstellen! Die demütige Herabneigung des Gottessohnes zum Schicksal der Menschen bis hin zum furchtbaren Kreuzestod (Phil 2,5-11) veranschaulicht die Weihnachtsikone oft, indem die Krippe als sargähnlicher Altar und die Windeln wie Leichenbinden, die das Kind fest einhüllen, gestaltet sind.

Mit der Gabe der ganzen Menschheit, der jungfräulichen Mutter,  erreicht die Stichire ihren Höhepunkt des Lobpreises. Überragt in der Ikone der Entschlafung Marias die Christusgestalt das Sterbebett, so beherrscht nun statt ihres göttlichen Sohnes die auf dem Ruhelager gebettete Gottesgebärerin das Bild. Deutlicher ist die Erwählung und Erhöhung dieses Menschen als Vertreterin aller zur Erlösung Berufenen – „ehrwürdiger als die Cherubim und unvergleichlich herrlicher als die Seraphim“ – nicht auszudrücken! Sie wendet sich nicht mütterlich ihrem Säugling zu, sondern uns, den Betrachtern, wie das für Ikonen typisch ist. Durch die „Fenster zur Ewigkeit“ schauen uns die Heiligen an und laden uns ein, uns durch sie dem göttlichen Licht zuzuwenden.

 

Die Gottesgebärerin bringt sich selbst Gott dar und wird so zur neuen Eva, der Mutter-Kirche, in der Gott Sich ewig mit der Welt vereinigt. Und was bringen wir Gott dar?

Jede Darbringung ist die Hinwendung zu Gott, das Suchen Seiner Nähe und das Sichöffnen für Seine Gegenwart, die unser Leben verändert. Unsere Grundgeste dafür ist das Gebet, das uns mit Gott verbindet, wo immer wir sind. Wie den Engeln sollte es auch uns zur ständigen Haltung werden, nicht nur, wenn wir gerade einmal Zeit und Lust dazu haben. Je mehr wir auswendig kennen (und das „Jesusgebet“ muss man nicht „lernen“), desto inniger kann das Gebet uns im Alltag begleiten. Letztlich ist es eine Frage, wie wir mit unserer Zeit umgehen und welche Rangfolge der Wichtigkeit wir unseren Tätigkeiten zuteilen. Das gilt auch für den Weg zur Kirche und die Vorbereitung auf den Empfang des „Lebensbrotes“ in den Sakramenten.

Mit der regelmäßigen Lesung der hl. Schrift – der Kalender gibt uns eine tägliche Ordnung dafür -  können wir wie die Gottesmutter die auf das Wort des Herrn Hörenden, ganz von Ihm Durchdrungenen, es  in unserem Herzen Bewegenden werden.

Manchen ist die fromme Einfalt des Herzens, das ungetrübte staunende Gottvertrauen der Hirten gemäß, anderen ist es gegeben, den Intellekt einzusetzen um die Spuren Gottes in der Schöpfung und Geschichte zu suchen wie die Magier.

Uns allen aber ist aufgetragen, uns nicht mit frommen Gefühlen zu begnügen, sondern die Frohe Botschaft mit unserem ganzen Leben im Alltag, in der Familie, bei der Arbeit, in all unserem Tun und Lassen praktisch zu verkünden und so zur „Weihe der Welt“, die mit der Menschwerdung Gottes begonnen hat, unseren Teil beizutragen.

                                                                                                                                                 Amen.

 

Literatur:

L.Ouspensky/V.Lossky: Der Sinn der Ikonen; Bern und Olten 1952, S. 159ff.

K.Chr.Felmy: Das Buch der Christus-Ikonen; Freiburg i.Br. 2004, S.74-82

K.Ferrari d’Occhieppo: Der Stern von Bethlehem; Ffm./Berlin 1994

L.Heiser: Jesus Christus. Das Licht aus der Höhe; St.Ottilien 1998, S.81-85

 

„Der Gottesdienst zur Geburt unseres Herrn Jesus Christus“  ist in deutscher Sprache  herausgegeben vom Kloster des Hl. Hiob von Pocaev (München 2006; ISBN 3-935217-17-X)